KJUI Podcast - Hasenschule: alte Neue

Alte Neue Schule

Audio kompakt


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Fressen Füchse Hasen?

Naja, an die Althasen, also die großen kräftigen, trauen die sich auch nicht ran. Aber an die Jungtiere schon. Ansonsten stehen auf dem Speiseplan der Füchse doch eher Mäuse, Vögel, Wildkaninchen, Schnecken, Frösche, Regenwürmer und das Huhn. Ein großer Hahn wird ihm zumindest erst einmal Paroli bieten.

Frisst der Fuchs auch Möhren?

Nein, so wirklich nicht, es sei denn in den Abfällen der Stadt ist noch Gasthof-Essen vom Rehbraten mit Möhren und Erbsen übrig. Er gräbt also nicht gerade auf dem Acker des Bauern nach den Früchten der Erde. Da hilft er ehedem dem Bauern, indem er die Mäuse aus dem Boden holt, die doch zu gern an den Jungpflanzen knabbern. Nein, der Fuchs ist kein Vegetarier. Er verschmäht wohl nicht den Apfel und die Beeren des Waldes, aber vegetarisch, Nein!

Sie ahnen, wohin die Reise geht.

Hasenhans und Hasengretchen gehen lustig Pfot’ in Pfötchen
um die sechste Morgenstund’
durch den bunten Wiesengrund.
Viele andre Hasenjungen kommen schnell herbeigesprungen.
Auf dem Rücken sitzt das Ränzchen,
hinten wippt das Hasenschwänzchen.


Doch die neue Hasenschule ist gemeinhin eine Lüge.
Zu erkennen klipp und klar daran, dass dem Fuchs-Haas-Paar
anstatt Pfoten sogar Hände sind im Vers gleich angediehen;
welch ein Glück:
die Zeichnerin
hat es nicht so übernommen.
Doch das Kind liegt schon im Brunnen.

*


Nun, machen wir heute eine Hasenschule.

Also: Es gibt ja Märchen, da agieren Hase und Fuchs geradezu gleichberechtigt nebeneinander. Man könnte also meinen. Na, da sind sie doch gute Freunde. Aber, schauen wir uns das mal genauer an.

Der wunderliche Spielmann

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald, mutterseelenallein und dachte hin und her. Und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst:
"Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen."
Da nahm er die Geige vom Rücken und fiedelte eins, dass es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht daher getrabt.
"Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Verlangen," sagte der Spielmann. Aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm:
"Ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch lernen." - "Das ist bald gelernt," antwortete der Spielmann, "du musst nur alles tun, was ich dir heiße." - "O Spielmann," sprach der Wolf, "ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister."
Der Spielmann ließ ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war.
"Sieh her," sprach der Spielmann, "willst du fiedeln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt."
Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest, dass er wie ein Gefangener da liegenbleiben musste. "Warte da so lange, bis ich wiederkomme," sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber:
"Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen anderen Gesellen herbeiholen," nahm seine Geige und fiedelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume dahergeschlichen.
"Ach, ein Fuchs kommt," sagte der Spielmann, "nach dem trage ich kein Verlangen." Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach:
"Ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch lernen." - "Das ist bald gelernt," sprach der Spielmann, "du musst nur alles tun, was ich dir heiße." - "O Spielmann," antwortete der Fuchs, "ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister."
"Folge mir," sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträucher standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnussbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach:
"Wohlan, Füchslein, wenn du etwas lernen willst, so reiche mir deine linke Vorderpfote."
Der Fuchs gehorchte, und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm.
"Füchslein," sprach er, "nun reich mir die rechte."
Die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los, und die Bäumchen fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, dass es in der Luft schwebte und zappelte.
"Warte da so lange, bis ich wiederkomme," sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Wiederum sprach er zu sich:
"Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen herbeiholen," nahm seine Geige und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Häschen daher gesprungen.
"Ach, ein Hase kommt!" sagte der Spielmann, "den wollte ich nicht haben." - "Ei, du lieber Spielmann," sagte das Häschen, "was fiedelst du so schön, das möchte ich auch lernen." - "Das ist bald gelernt," sprach der Spielmann, "du musst nur alles tun, was ich dir heiße." - "O Spielmann," antwortete das Häslein, "ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister."
Sie gingen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Walde kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte.
"Munter, Häschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum!" rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte. Und wie es zwanzigmal herumgelaufen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals.
"Warte da so lange, bis ich wiederkomme," sprach der Spielmann und ging weiter.

Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen, und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten freigemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her und wollte ihn zerreißen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern, und schrie aus Leibeskräften: "Bruder Wolf, komm mir zu Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen!" Der Wolf zog die Bäumchen herab, biss die Schnur entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spielmann Rache nehmen wollte. Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls erlösten, und suchten alle zusammen ihren Feind auf.

Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fiedel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ und mit dem Beil unter dem Arm herankam, die Musik zu hören.
"Endlich kommt doch der rechte Geselle," sagte der Spielmann, "denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere." Und fing an und spielte so schön und lieblich, dass der arme Mann wie bezaubert dastand, und ihm das Herz vor Freude aufging.

Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl, dass sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen: "Wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun."

Da ward den Tieren Angst und sie liefen in den Wald zurück; der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

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Eine wirklich seltsame Geschichte, die förmlich danach verlangt, aufgeklärt zu werden.
(siehe auch Hinweise und Quellen)

Der dunkle Wald. Der steht hier durchaus für das Unterbewusste in uns.
Die Tiere verkörpern unsere Triebe. Der Wolf z.B. die Gier, der Fuchs z.B. die List, der Hase z.B. die Angst.
Die wunderbare Musik? Sie ist ein Zauber – ein Verlangen – ein "haben wollen" – ein "auch können wollen" – ein "für sich beanspruchen" Töten kann man solche Triebe nicht, um dem beizukommen, dingfest machen schon. Gier, List und Angst werden also zunächst einmal in den Bann geschlagen.
Die Gier mit Kraft, mit Gegenkraft. Die List mit Gegenlist und mahnender Flagge. Die Angst mit Aktion. Bezeichnend dürfte hier auch die Wahl des Espenbäumchens sein.
Jetzt aber kommt auch der rechte Geselle – kein Trieb, sondern eine ordnende Kraft – ein anderes Bewusstsein.
Der Holzfäller also sorgt im Wald für eine gesunde Klarheit. Und eine solche Kraft braucht nicht besitzen, sie ist sehend und blitzeblank, klar also.

Der wunderliche Spielmann? Er selbst, er ist ja voller Wunder und ihm ist langweilig. Er hat also Zeit – er streift durch Zeit und Raum, taucht in die Tiefen und dort trifft er sehr wohl seine Kreativität und seinen Zauber, aber eben auch die Triebe – er wandert da "mutter-seelen-all-ein" hindurch.

Die dreimalige Wiederholung? Ist ein typisches Muster für geistige Veränderung, die eben Wiederholung braucht. Wollen Sie etwas verändern, müssen Sie es wiederholen – mindestens bis zum Eintreffen der Veränderung.

Und dann ist da die Dankbarkeit! Und das nicht mehr allein, sondern das all-ein sein. So ist das.

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Eine zweite Kategorie

innerhalb der Erzählungen, in der z.B. der Fuchs eben nicht der Fuchs ist, ja nicht einmal zwingend seinen Archtyp wiederspiegeln muss, ist die Kategorie Mythos.

In der japanischen Mythologie z.B. ist der Fuchs – die Fuchsgottheit Inari - hoch angebunden. Es gibt unzählige Geschichten, die von den vornehmlich weißen Füchsen erzählen. Er gilt als Bote der Götter, speziell der Fruchtbarkeitsgöttin, die als Reisgöttin - auch im Sinne des Wachstums und Erfolges - agiert.

Märchen & Genuss - FASSGOLD CD 2023

Auf der CD findet sich das Märchen "Der Fuchsgott, der Sumo liebte." Eine hübsche Geschichte ist auch "Die spukenden Füchse im Moor." Ich habe mir heute einmal die japanische Geschichte von der Fuchsfrau herausgesucht – ein bisschen Göttlichkeit – ein bisschen Fruchtbarkeit – ein bisschen Wachstum und Erfolg. Also:


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Die Fuchsfrau

aus Japan, angelehnt an die Erzählung von Rotraut Saeki

Vor vielen Jahren wurde einmal ein junger Mann von seinem König aus dem Königreich Ryūkyū ins Land China geschickt, um dort sein Wissen zu vertiefen.
Er nahm also Abschied von seiner Frau und schiffte sich ein.
In China studierte er fleißig und er versuchte auch, sich in der Kunst der Waffen zu vervollkommenen. Dabei wurde er mit einem wunderschönen Mädchen bekannt. Und bald schon betrachtete er sie als seine Frau. Sie war nun also nicht nur in den täglichen Waffenübungen seine Gefährtin, sondern kümmerte sich auch mit Liebe und Hingabe um ihren Gatten. Was der Mann nicht ahnte war, dass sie eigentlich eine Füchsin war.

Sie waren wirklich ineinander verliebt. Als die Zeit der Abreise kam, beschloss er, in China zu bleiben. Auf den Okinawa-Inseln aber wartete seine rechtmäßige Frau und schließlich zog sie los, um der Ursache seines Ausbleibens auf den Grund zu gehen. Und sie sah das Unübersehbare. Sie forderte das schöne Mädchen auf, ihr den Ehemann zurück zu geben. Die Fuchsfrau hörte sich die Bitte an, zog dann ein Kästchen aus einer Falte ihres Gewandes hervor und sprach:
"Ich liebe deinen Mann. Wenn du dich von ihm trennst, sollst du dieses Zauberkästchen haben."
Die andere horchte auf: "Was macht dieses Kästchen so wertvoll?" Die Fuchsfrau erklärte: "Hier, schüttelst du diese Ecke, wird es dir nie an Geld mangeln. Schwenkst du die zweite Ecke hin und her, wirst du ein langes Leben haben und die ditte Ecke wird dir alle sonstigen Wünsche, die ein Mensch nur haben kann, erfüllen. Nimm es und lasse mir dafür deinen Mann."
Die Frau aber sagte scharf: "Es sind vier Ecken. Warum erklärst du mir nicht, welche Eigenschaft die vierte Ecke hat? - Willst du meinen Mann, musst du es mir sagen!"
Die Fuchsfrau zögerte und dann sprach sie: "Die vierte Ecke besitzt eine schreckliche Kraft. Wenn du sie schüttelst, wird der Mensch, den du hasst, sterben."

Die Frau riss dem schönen Mädchen das Kistchen aus der Hand.
"Nun!" rief sie mit sich überschlagener Stimme. "Soll ich diese Ecke schwenken und mir wünschen, dass das Weib, dass ich nicht ausstehen kann, verderben möge?"
Die Fuchsfrau begriff, dass sie das Spiel verloren hatte und verwandelte sich in den Fuchs, der sie war und konnte so nicht getötet werden. Sie wandte sich noch einmal an den Mann, der inzwischen in den Raum gekommen war und fassungslos dastand. "Höre! Ich trage ein Kind von dir unter dem Herzen. Gib mir irgendetwas von dir zum Zeichen, dass du dieses Kind, dereinst erkennen wirst!" Die Füchsin erhob flehentlich ihre Vorderpfoten. Er nahm seinen Fächer und reichte ihn ihr. "Gib unserem Kind, wenn es groß geworden ist, diesen Fächer und lasse es nach Okinawa zu mir reisen. Ich werde es nicht verleugnen!"

Er kehrte nun mit seiner ersten Frau ins Königreich Ryūkyū zurück und bald schon gebahr sie einen gesunden Kaben. Der Sohn gehdieh und hatte wie sein Vater, große Liebe zu den Wissenschaften und den Waffenübungen. Besonders in der Kunst der Waffen hatte er es sehr weit gebracht und als es wieder einmal galt, einen Fechtmeister für den König zu bestimmen, wurde er in die engere Wahl gezogen. Aus ganz Okinawa strömten die Anwärter zusammen und stellten sich nacheinander zum Zweikampf. Er hatte all die anderen übertroffen und gerade sollte ihm die ehrenvolle Stellung zugesprochen werden, da fand sich ganz plötzlich ein fremder Jüngling ein.
"Vergebt das Amt nicht so schnell, ich will mich auch bewerben und stelle mich zum Zweikampf!"
Er trat gegen den Sohn an undzwar nur mit einem Fächer als Waffe und er gewann! So hatte nun er das Recht auf das Amt des königlichen Fechtmeisters. Es zeigte sich jedoch eine Schwierigkeit: der Jüngling war niemandem bekannt. Ein Namenloser kann nicht der Lehrer des Herrschers werden. Da faltete der Jüngling seinen Fächer auseinander und hielt ihn hoch in die Luft. Aus den Reihen der königlichen Beamten erscholl ein Aufschrei. Der Vater erkannte den Fächer und lief zu ihm hin. "Du bist mein Sohn, mein lieber Sohn, ich erkenne dich hiermit vor allen Menschen an!"

Er hielt also Wort und der junge Fuchs-Sohn war nicht mehr namenlos. Der Laufbahn beider Jünglinge stand nichts mehr im Wege. Beide wurden in die königlichen Dienste aufgenommen.

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Fressen Wölfe Mäuse?

Naja, wenns denn gar nichts anderes mehr gibt. Denn eigentlich möchten sie lieber Rehe und junge Hirsche und auch Wildschweine fressen. An sich also ist es dem Wolf eher ein Spaß - wie dem Hund auch - nach der Maus zu wühlen und sie mit einem Haps zum Snack zu machen.

Frisst der Wolf auch Möhren?

Nein, auch er buddelt wohl kaum dem Bauern die Früchte der Erde aus dem Acker. Auch er genießt nur hin und wieder eine reife Frucht, wie z.B. einen Apfel, oder die Beeren des Waldes.

Warum stelle ich diese Fragen überhaupt?

Nun, weil ich ein Wandlungsmärchen erzählen möchte, in dem ich auf der Ebene der Gleichwertigkeit der Tiere bin. Sozusagen eine Echtdarstellung.

Der Wolf ist wirklich der Wolf, der Büffel ist wirklich der Büffel, der Adler ist wirklich der Adler, die Maus ist wirklich die Maus. Die Archtypen dieser Tiere treten zunächst in den Hintergrund der Erzählung und sind zuguter letzt doch die wahre Hülle dieser Geschichte im Ganzen.

Und lassen Sie sich nicht von dem niedlichen Namen der Geschichte täuschen:


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Der kleine Mäuserich

Es war einmal ein Kleiner Mäuserich. Er war viel beschäftigt wie alle Mäuse viel beschäftigt sind mit Mäusesachen. Doch dann und wann hörte er ein merkwürdiges Geräusch.

Eines Tages eilte er zu seinem Nachbarn und fragte ihn: "Hörst du auch das Rauschen, mein Bruder?" Aber der antwortete ohne seine Nase auch nur vom Boden zu heben. "Nein! Nein, ich höre nichts. Ich bin jetzt beschäftigt. Sprich später mit mir." Kleiner Mäuserich stellte einem anderen Nachbarn die gleiche Frage. Aber der sah ihn nur an. "Was für ein Geräusch?"

Also beschäftigte sich Kleiner Mäuserich wieder, fest entschlossen, die ganze Sache zu vergessen. Aber es war da, dieses Rauschen. Es war da! Er beschloss nun doch, der Sache auf den Grund zu gehen und lief ein Stück fort. Dann horchte er wieder. Da war es! Plötzlich grüßte ihn jemand: "Hallo, kleiner Bruder." Der Mäuserich krümmte Rücken und Schwanz und wollte vor Schreck fast davon laufen. "Ich bin es nur, Bruder Waschbär. Aber sag, was machst du hier ganz alleine?" Kleiner Mäuserich errötete und senkte seine Nase fast bis zum Boden. "Ich höre ein Rauschen." Waschbär setzte sich neben ihn. "Was du hörst, kleiner Bruder, ist der Fluss." "Der Fluss? Was ist ein Fluss?" "Komme mit, und ich zeige dir den Fluss", sagte Waschbär. Kleiner Mäuserich dachte bei sich: "Ich brauche keine Angst zu haben, Waschbär ist bei mir und ich werde zu meiner Arbeit zurückkehren, sobald diese Sache erledigt ist. Möglicherweise kann dieses Ding, der Fluss, mir ja bei all meinen geschäftigen Unternehmungen helfen. Hah .. und meine Brüder sagen alle, da ist nichts." Und zu Bruder Waschbär sagte er: "Also gut, ich komme mit dir. Bitte zeige mir den Fluss."

Waschbär führte ihn auf fremde Pfade und Kleiner Mäuserich roch den Duft von vielen Dingen, die an diesem Weg vorbeigegangen waren. Viele Male fürchtete er sich so sehr, dass er beinahe umgekehrt wäre. Aber endlich kamen sie an den Fluss! Er war ungeheuer groß, atemberaubend. An manchen Stellen war er tief, an manchen Stellen flach, hier klar, dort trübe. Er brüllte, sang, schrie und donnerte auf seinem Weg. Kleiner Mäuserich sah große und kleine Stücke der Welt, die auf seiner Oberfläche fortgetragen wurden. "Er ist mächtig!" sagte er. "Er ist eine große Sache", sagte Waschbär. "Aber nun lass mich dich einem Freund vorstellen, denn ich muss weiter am Flussufer entlang, wo ich Nahrung finde, die ich waschen und essen kann."

An einer ruhigen Stelle des Flusses war ein Seerosenpolster, leuchtend grün. Darauf saß ein Frosch. "Hallo Bruder. Willkommen am Fluss." Kleiner Mäuserich näherte sich dem Ufer. "Hast du keine Angst so weit draußen im großen Fluss?" fragte er den Frosch. "Nein. Ich habe keine Angst. Mir wurde bei meiner Geburt die Medizinmacht gegeben, sowohl auf dem Fluss als auch in ihm zu leben. Wenn Wintermann kommt und den Fluss einfriert, kann ich nicht gesehen werden. Aber während der Donnervogel fliegt, bin ich hier. Ich, mein Bruder, ich bin der Hüter des Wassers." Kleiner Mäuserich staunte.
"Möchtest du etwas Medizinmacht haben?" fragte der Frosch.
"Medizinmacht? Ich? Ja, ja! Wenn das möglich ist."
"Dann duck dich, so tief du kannst, und spring so hoch wie du dazu imstande bist!" sagte Frosch.
Kleiner Mäuserich tat es und als er hoch gesprungen war konnte er seinen Augen kaum trauen, denn er konnte nicht nur über den Fluss sehen, sondern er konnte auch am Horizont die hohen Berge sehen, die Heiligen Berge!

Aber dann fiel er zurück zur Erde und nicht nur das, er landete rücklings in dem Fluss! Und zu Tode erschrocken krabbelte er zum Ufer zurück und rief: "Du hast mich ins Wasser gelockt!"
"Warte", sagte der Frosch, "lass dich nicht durch deine Angst und deine Wut blenden. Was hast du gesehen?"
"Ich, ich", stotterte Mäuserich, "ich, ich sah die Heiligen Berge!"
"Siehst du! Und du hast einen neuen Namen!" sagte Frosch. "Du bist Springende Maus."

Springende Maus bedankte sich wieder und immer wider: "Danke, Danke, ich danke dir. Nun will ich zu meinem Volk zurück und ihnen erzählen."
"Na, dann Geh. Geh also", sagte der Frosch. "Der Weg ist leicht zu finden. Behalte nur stets das Geräusch des Flusses in deinem Rücken."

Springende Maus kehrte also zur Welt der Mäuse zurück. Aber er fand Enttäuschung. Keiner hörte ihm zu. Und weil er nass war und es keine Erklärung dafür gab, denn es hatte nicht geregnet, meinten die Mäuse, er sei aus dem Munde eines anderen Tieres ausgespuckt worden. Und sie wussten alle, dass, wenn das Tier, das ihn fressen wollte, ihn wieder ausspuckt, er auch Gift für sie sein musste.

Springende Maus konnte seine Vision von den Heiligen Bergen ohnehin nicht vergessen und eines Tages ging er zum Rande des Ortes der Mäuse. Er blickte auf die weite Ebene und er blickte hoch zum Himmel. Und der Himmel war voll von vielen Flecken, jeder einzelne ein Adler. Aber Springende Maus war entschlossen, zu den Heiligen Bergen zu gelangen.

Er rannte los und schaffte es bis zu dieser Stelle, die dicht mit Salbei bewachsen war. Und dort lebte Alte Maus. Es war ein wundervoller Ort. Samen und Nestmaterial waren reichlich vorhanden und auch sonst gab es viele Dinge, mit denen man sich beschäftigen konnte.
"Hallo", sagte Alte Maus. "Sei Willkommen."
Voller Respekt antwortete Springende Maus: "Du bist wahrhaftig eine große Maus. Dies ist ein wunderbarer Platz, und die Adler können dich hier nicht sehen."
"Ja", sagte Alte Maus, "und man kann von hier aus alle Wesen der Prärie beobachten und ihre Namen lernen: Büffel, Antilope, Hase, Wolf."
"Das ist wunderbar", sagte Springende Maus. "Kannst du auch den Fluss und die heiligen Berge sehen?"
"Mhh, ja und nein", sagte Alte Maus mit Überzeugung. "Ich weiß, dass es den großen Fluss gibt. Aber ich befürchte, dass die Heiligen Berge nur eine Sage sind. Vergiss deine Sehnsucht danach, und bleibe. Hier ist ein guter Platz zum Leben."
Springende Maus schüttelte den Kopf. "Die Heiligen Berge sind nicht etwas, das man vergessen kann."

Es war schwer, fort zu gehen, aber Springende Maus sammelte seinen ganzen Willen und rannte so schnell er nur konnte. Er fühlte die Schatten der Flecken, all diese Adler hoch am Himmel, er fühle sie alle, all diese Adler! Endlich war da eine Zuflucht, eine Gruppe von Wildbeerensträuchern.
Hier war es kühl und sehr geräumig. Sogleich machte er sich daran, sein Domizil zu erforschen. Da hörte er ein sehr schweres Atmen. Es war ein großer Hügel aus Haaren mit schwarzen Hörnern, ein Büffel, das wusste er, seit er bei Alte Maus war. "So ein prachtvolles Wesen", dachte Springende Maus und schlich sich näher heran.
"Hallo, mein Bruder", sagte Springende Maus.
Und der Büffel antwortete: "Ich danke dir für deinen Besuch."
"Warum liegst du hier?" fragte Springende Maus ihn.
"Ich bin krank und ich sterbe. Meine Medizinmacht sprach zu mir, dass nur das Auge einer Maus mich heilen kann. Aber kleiner Bruder, so etwas wie eine Maus gibt es nicht."
Springende Maus war erschüttert. "Eines meiner Augen! Eines meiner winzigen Augen", dachte er. Das Atmen des Büffels wurde schwerer und langsamer. "Er wird sterben, wenn ich ihm nicht eines meiner Augen gebe." Und dann sprach er mit zitternder Stimme: "Ich! Ich bin eine Maus. Und du, Bruder Büffel, du bist ein so großes Wesen. Ich kann dich nicht sterben lassen. Ich habe zwei Augen, also kannst du eines davon haben."
Im selben Augenblick verlor Springende Maus ein Auge und der Büffel war geheilt. Der sprang auf und die kleine Welt um Springende Maus erbebte unter seinen Hufen.
"Ich danke dir, kleiner Bruder. Du hast mir das Leben gerettet, so dass ich nun den Menschen wieder Gaben machen kann. Ich weiß von deiner Suche nach den Heiligen Bergen, meine Medizinmacht hatte mir davon erzählt. Lauf unter meinem Bauch, und ich werde dich bis zum Fuß der Heiligen Berge bringen."
Das tat er auch. So war Springende Maus vor den Adlern geschützt. Am Fuße der Heiligen Berge angekommen, sagte der Büffel: "Hier muss ich dich verlassen, kleiner Bruder, denn ich bin ein Wesen der Prärie, auf den Bergen kann ich dir nicht nützlich sein."

Springende Maus begann sofort, die neue Umgebung zu untersuchen. Da waren noch viel mehr Dinge, als an den anderen Plätzen. Aber schon bald stieß Springende Maus auf einen grauen Wolf, der da saß und absolut nichts tat. "Hallo, Bruder Wolf", sprach er ihn an.
Die Ohren des Wolfs wurden aufmerksam. "Wolf! Wolf! Ja, Wolf. Das ist es, was ich bin, ein Wolf!" Aber dann fiel er wieder in sich zusammen und saß da mit gebrochenem Blick.
"So ein großes Wesen, aber er hat kein Gedächtnis." Springende Maus lauschte dem Pochen seines Herzens. Dann war er entschlossen. "Bruder Wolf!" "Wolf! Wolf!" sagte der ... "Bitte, Bruder Wolf, hör mich an. Ich weiß, was dich heilen wird. Es ist eines meiner Augen. Und ich möchte es dir geben, denn du bist ein größeres Wesen als ich." Und schon verlor Springende Maus das zweite Auge und der Wolf war geheilt.

Tränen flossen die Backen des Wolfes herab: "Du bist ein großer Bruder", sagte er, "denn jetzt habe ich mein Gedächtnis zurück. Ich bin der Führer zu den Heiligen Bergen. Ich werde dich hinbringen. Dort oben, musst du wissen, da ist ein See, der schönste See der Welt, denn die gesamte Welt spiegelt sich darin, alle Pflanzen, alle Tiere und auch die Menschen mit ihren Zelthäusern sind darin zu sehen."
"Bitte bring mich hin", sagte Springende Maus.

Der Wolf führte ihn über Geröll und durch die Tannen hindurch den Berg hinauf. Oben angekommen trank Springende Maus aus dem Wasser des Sees während Bruder Wolf ihm die Schönheit beschrieb. Und dann sagte Springende Maus: "Ich danke dir, mein Bruder. Aber nun gehe. Obwohl ich Angst davor habe, hier allein zu sein, weiß ich doch, dass du gehen musst. Du bist der Führer zu den Heiligen Bergen und du musst auch andere zu diesem Platz bringen." So verabschiedete sich der Wolf und ging.

Springende Maus saß da. Es war sinnlos fort zu laufen, denn er war blind. Er fühlte einen Schatten auf seinem Rücken und hörte das Geräusch, das Adler machen. Er spannte sich an für den Schlag. Und der Adler traf! Springende Maus schlief ein. Dann wachte er auf. Die Überraschung, noch am Leben zu sein, war groß, und er konnte sehen! Es war noch verschwommen, aber die Farben waren wunderschön und Springende Maus sagte immer wieder: "Ich kann sehen! Ich kann sehen!"

"Hallo Bruder", sagte eine Stimme. "Möchtest du etwas Medizinmacht haben?" "Medizinmacht? Ich?" fragte Springende Maus. "Ja, ja! Wenn das möglich ist."

"Dann duck dich, so tief du kannst, und spring so hoch wie du dazu imstande bist! Springende Maus tat es und da fing der Wind ihn auf und trug ihn.

"Hab keine Angst", rief ihm die Stimme zu. "Klammere dich an den Wind und hab Vertrauen!"

Springende Maus tat es. Er schloss seine Augen und klammerte sich an den Wind, und der trug ihn höher und höher. Springende Maus öffnete nun die Augen und sie waren klarer als je zuvor. Er sah seinen Freund, Bruder Frosch, auf dem Seerosenpolster sitzen und der rief ihm zu: "Du hast einen neuen Namen. Du bist Adler!"

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Fressen Katzen Mäuse?

Während man bei Fuchs und Wolf noch kurz überlegt, ob ja oder nein, weiß man es von den Katzen ganz sicher – und nicht nur das: Sie spielen sogar noch mit der Maus.

Der Pilgerkater

Algerien, ein Märchen der Berber

In einem Dorf gab es einmal einen Kater, dessen natürliche Gewohnheit es war, die Mäuse und Ratten des Dorfes zu vertilgen. Den Ratten und Mäusen war er wohl bekannt und sie ergriffen die Flucht, sobald er nur von weitem auftauchte. So kam es, dass der Kater eine ganze Weile nichts zu fressen hatte.

Er dachte nach und versteckte sich für ein paar Tage. Unterdessen ließ er das Gerücht verbreiten, er sei auf Pilgerfahrt gegangen. Eines schönen Morgens verließ er sein Versteck, zeigte sich auf dem Dorfplatz und verkündete laut:
"Hört! Hört her alle Mäuse und Ratten des Dorfes. Ich war in Mekka und habe mich gereinigt. Gott will ich ehren und weder Mäuse noch Ratten mehr fressen! Ich bin geläutert, ich bin weise, ich habe die Ewigkeit gesehen. Ich sah, dass alles Leben eins ist! – Lasst Euch einladen, meine Freunde – ja sogar meine Feinde! Jeder, der mir freundlich gesinnt ist, soll kommen und einen guten Tag haben. Ich will mich mit allen aussöhnen, die noch Zweifel plagen. Kommt und stellt mir Fragen zu der Pilgerrreise und dem Großen Ganzen, das ich sah!"

Die Neuigkeit verbreitete sich über das Dorf hinaus!
Die Mäuse und Ratten riefen einander zu: "Habt ihr gehört? Der Kater war auf Pilgerfahrt! Er hat das Große Ganze gesehen. Wir müssen ihn besuchen, ihm danken und von seiner Weisheit lernen."

Die Mäuse und Ratten waren außer sich vor Freude: "Oh - wir brauchen keine Angst mehr haben! Wir können ein und ausgehen, wann wir wollen! Der Kater ist nicht unser Feind – er ist unser Freund!"

Tja, so kam es also zu dem bewussten Tag.
Die Ratten legten ihre schönsten Kleider an. Sie trugen weiße Ganduras und Burnusse aus getrockneten Palmwedeln. Sie banden sich den Turban hoch hinauf und schlüpften in das neueste Paar ihrer Schuhe.
Die Mäuse schminkten sich sorgfältig. Sie legten Lippenrot von Nussbaumrinde auf, schwärzen sich die Augen und puderten sich die Wangen Rosé. Aus ihren Truhen holten sie die kostbarsten Seidenroben und Tüllschleier. Sie banden sich die Seidenschals mit den Fransen um die Stirn und legten ihre Juwelen an. Auch ihre Mäusekinder putzten Sie heraus. Mit Geschenken beladen machten sie sich auf den Weg zum Haus des Katers: Eier, Früchte, getrocknete Feigen, Nüsse, Rosinen, Datteln, Weizen und Saubohnen in kleinen Körbchen.

Der Pilgerkater hatte den Empfang auch bestens vorbereitet.
In seinem Haus lagen Matten über den Löchern im Boden und es hingen Teppiche und Decken vor den Einlassungen in den Mauern. In einer Ecke errichtete er seinen Thron, bedeckte den mit scharlachrotem Stoff und bestückte ihn mit Kissen. Er selbst trug eine weiße Djelaba, einen schneeweißen Burnus und den grünen Turban der Pilger.
Am Eingang, dem einzigen Eingang, hatte er eine kleine Katze platziert. Diese wies nun jeder Maus und jeder Ratte den Weg zum Thron. In Scharen kamen die Mäuse, in Reihen kamen die Ratten. Sie alle gingen nach und nach hinein ins Haus und traten vor den Kater hin, verneigten sich tief und übergaben ihre Geschenke und wohlmeindende Worte.

"Friede sei mit dir, oh Kater, der du ein Pilger bist! Ein langes und erfolgreiches Leben wünschen wir dir, der du uns teilhaben lässt, an den Segnungen Mekkas. Gelobt sei deine Pilgerfahrt!"
"Seid willkommen!" rief der Kater und ordnete gemächlich seine Schnurrbarthaare. "Ich bin also zurück. Ihr könnt beruhigt sein, nur das Gute führt uns zusammen. Ich habe in Mekka geschworen mich, an keiner einzigen Maus und keiner einzigen Ratte mehr zu versündigen."
Den zuweilen immer noch ängstlichen Mäusen schenkte er ein gewinnendes Lächeln und sie fühlten sich durch die Anwesenheit der anderen bestärkt.

Bald war das Haus voll, richig voll. Die Mäuse und Ratten waren jetzt so zahlreich, dass Matten und Teppiche kaum mehr zu sehen waren. Wie Trauben und Girlanden hingen Mäuse und Ratten bis fast unter die Decke und wanden sich wie Perlenketten um den Thron. Als der Kater sah, dass wohl so ziemlich alle Mäuse und Ratten des Dorfes und der Umgebung gekommen waren, gab er der kleinen Katze an der Tür einen lautstarken Befehl, einen solchen, der keinem Ohr erspart blieb: "Schließe die Tür und bewache sie!" Auf die Mäsue direkt vor dem Thron stürzte er sich zuerst. Er verschlang sie ohne langes Spiel. Die anderen versuchten zu fliehen! Aber es war zu spät.

Nur eine einzige alte Ratte entkam, denn sie hatte so lange an der Türschwelle gewartet und das ganze Prozedere beobachtet. Sie hatte gesehen, dass alle durch diesen einen Eingang hinein gingen, aber niemand heraus kam. Und sie wusste: Aus Kleie wird niemals Mehl!

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Diese Geschichte ist ganz sicher als Fabel gedacht, denn sie soll gewiss von Tier auf Mensch deuten. Es ist eine Geschichte der Berber Algeriens. Und obgleich die Berber – die die Urbevölkerung Nordamerikas sind - nicht per se ein Kriegervolk waren, sondern ehemals Nomaden, Schafzüchter und Teppichweber, sind doch die Tuareg deutlich näher an Attributen, wie Ehre und Vergeltung für erlittene Schande angebunden. Und so ist diese Fabel auch gefärbt, wie ich finde.

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Um diese dritte Runde an die erste anzuknüpfen, bediene ich mich wie Eingangs des Reims. Stellt sich erst einmal die Frage:

Wozu eigentlich Reime?

Ein riesen Fan bin ich selbst nicht einmal aber ich muss schon zugestehen, dass das Reimen doch sehr nützlich ist, sich etwas zu merken. Ich meine, wir alle haben mit Singsang und Reim das Alphabet "singen" gelernt und die Barden sind auch reimend losgezogen, ihre Nachrichten in der Welt zu verbreiten.

Ein sehr anschauliches Reimwerk ist der Katz-Mäuse-Krieg. Mit diesen beiden Tierchen nämlich, mit Katz und Maus, ließ sich so manche Satire, so manche Posse reißen, die durchaus auch Gesellschaftskritik abbildete. Das alles zwischen Fiktionen einer "verkehrten Welt" und wieder einfinden in "die Realität".

Überliefert wurden der Katz-Mäuse-Krieg und all die anderen Tiergeschichten der frühen, alten Zeit auf Ostraka, auf Bilderscherben, also auf den Steinsplittern der Kalkgebirge, wie sie am Fuße der Felsen herumliegen. Die Meister, die damals die Wände der Grabstätten im alten Ägypten bemalt haben, verwendeten die Steinsplitter, um in Mußestunden Scherz und Kurzweil darauf abzubilden. Und besonders zahlreich und gut erhalten über die Jahrhunderte sind eben speziell die Tiermärchen und dabei der Katz-Mäuse-Krieg, eine Geschichte, die seit 4000 Jahren überdauert. Die Bilder auf den Ostraka zeigen, dass mal die Katzen und mal die Mäuse die Oberhand haben. Man sieht z.B. eine Katze und eine Maus miteinander boxen und ein Vogel, ein Geier vielleicht, ist Schiedsrichter, oder eine Katze ist die Kammerzofe einer Maus, oder man sieht Mäuse, die eine Katzenburg stürmen. Diese Geschichten sind über Jahrhunderte erhalten und weiter erzählt worden. Und der persische Dichter Obeid Zakani hat den Katz-Mäuse-Krieg niedergeschrieben.


Der Katz-Mäuse-Krieg

Einen Drachen von Katz trieb, die Lust und ihr Magen
dahin zur Taverne dort Mäuse zu jagen.
Ein Weinkrug verdeckt sie, dort harrt sie der Beute
wie ein Räuber der Wüste und ähnlicher Leute.

Aus der Spalte der Mauer drang munter hervor
ein Mäuslein und klettert am Krug flugs empor.
Es schlürft voll Behagen vom köstlichen Wein,
beschwipst wie ein Löwe begann es zu schreien:

"Wo ist die Katz? Ich schneide ab ihr den Kopf.
Ihren Pelz, ihren Balg voll Gras ich dann stopf!
Verschenk, wenn ich Lust hab, zum Plunder-spendieren,
gleich hunderte Köpfe von Katzentieren.
Ein räudiger Hund wär für mich dieses Tier
im Falle, sie stellte sich mir beim Turnier!"

Die Katze hört lautlos dies an eine Weile,
nur reibt sie an Zähnen und Krallen die Feile.
Ein Sprung und ein Satz, und sie packt die Maus:
"Du Mäuslein!" so rief sie. "Dein Leben ist aus!"

Die Maus quiekt: "Verzeih mir. Ich bin ja dein Knecht!
Verzeihe meine Sünden, dies alles war schlecht.
Betrunken war ich, wenn das Maul ich gewetzt;
Dreck plappern die Trunkenen immer zuletzt.
Dein Sklave bin ich, im Ohr einen Ring.
Um meinen Nacken ein Halsband mir schling."

Die Katze fauchte: "Nun ist’s mir genug!
Lüg nicht, ich hör nicht auf Schwindel und Trug!
Ich hörte ja das, was du sagtest zur Stund;
halt deine Schnauze, du räudiger Hund."


Sprachs und verspeiste sie mit Appetit.

"Allmächtiger, Reue fühle ich zum Glücke!
Keine Maus reiß ich mehr mit den Zähnen in Stücke!
Als Blutgeld für Unrecht verdorbenes Leben,
will zwei Zentner Brot ich den Armen jetzt geben!"

So flehte und jammerte sie unverdrossen,
den Pelz netzten Tränen, die schließlich noch flossen.

Nachdem nun die Mäuse die Nachricht vernommen,
war Frohsinn und Freude zu ihnen gekommen.
Der Mäuse sieben sprangen heran,
ein Hofrat war jede, ein Edelmann.
Aus Liebe zur Katz’ überboten sie sich,
sie brachten ihr Gaben, die königlich.
Die eine trug eine Flasche mit Wein,
die Gabe der anderen sollt’ Lammbraten sein.

Die Katze, sie sprach dann: "Geruht, meine Freunde,
nur einige Schritte
zu treten heran etwas näher zur Mitte!"

Die Mäuse, gehorchten, ehrlich und bieder,
wie Espenlaub zitterten zwar ihre Glieder …
Da plötzlich sprang los unsere Katze voll Gier,
dem Ritter glich sie beim harten Turnier.
Sie packte fünf Mäuse, gewand, ohne schonen,
obwohl diese Gaufürst und Standespersonen!
Und vier mit den Tatzen bezwang sie, nicht faul,
dem brüllenden Loi gleich, die fünfte im Maul!

Und nach einer Woch’ war gerüstet ein Heer
von Dreißigtausend Dreihundert und mehr
mit Speer Pfeil und Bogen und blitzendem Schwert
bewaffneten Mäusen, mit Umsicht bewährt.

Es war eine Maus seit je Diplomat,
sie ging zu der Katze für König und Staat.
Zur Katze sprach sie redegewand:
"Ich bin von der Mäuse König gesandt.
Die Botschaft höre, nimm leicht sie nicht hin,
denn Krieg hat der Mäusekönig im Sinn!
Entscheide: entweder nah dienstbar dem Thron,
oder Krieg überzieht dich als schrecklicher Lohn."

Die Katze rief heimlich die Katzen zusammen,
ein mächtiges Herr von Knappen und Mannen.
Nachdem die Kolonnen gestellt ohne Lücken,
erging der Befehl, auf’s Schlachtfeld zu rücken.

Es fielen von Katzen und Mäusen zugleich
unzählige Helden für König und Reich.

Dann schlugen die Mäuse die Pauke des Sieges,
ganz trunken von diesem Ergebnis des Krieges.
Der Katze waren gefesselt die Pfoten
mit Stricken und Fäden und Schnüren voll Knoten.

Doch:

Dem Löwen gleich kauerte sie auf die Schenkel,
zerriss mit den Zähnen die Stricke und Senkel.
Sie packte die Mäuse und schmiss sie um sich,
dem Staube gleich wurden die jämmerlich.

Nach rechts floh das Heer mit all seinen Mannen,
nach links macht der Fürst sich eilends von dannen.

Die Dickhaut verschwand mit dem König als Last.
Verspielt war die Krone, Schatz, Thron und Palast.

*

Die Katze behält also die Oberhand. Es nützt einfach gar nichts, sich die Welt schön zu reden. Es nützt viel mehr, sie anzuschauen und in den Schichten wahrzunehmen.


Zur Abrundung noch ein Lehrstück

zur heutigen "Hasenschule" Auf dem Prüfstand stehen sicher Argumente, wie: "Aber, es gibt doch ganz sicher Märchen, in denen Fuchs und Hase sich "Gute Nacht sagen" – oder?

Ja, scheinbar. Aber schaut man genauer hin wird klar, dass es niemals den Strukturwert einer Gleichstellung hat. Es geschieht immer etwas, das kenntlich macht, dass es im Kontext der beiden keine Gleicheit geben kann und dass ein Märchen genau das braucht um der Echtheit und den Anforderungen des Lebens zu begegnen. Mh?


*

Wie der Fuchs und das Kaninchen auf Fischfang gingen

ein afroamerikanisches Märchen

Als das Kaninchen und der Fuchs noch gute Freunde waren, hatte das Kaninchen kurze Ohren und einen langen buschigen Schwanz. Die beiden, das Kaninchen und der Fuchs, waren unzertrennlich. Überall sah man sie beisammen.

Eines Tages wollten sie auf Fischfang gehen.
"So eine leckere Forelle ließe ich mir gefallen", sagte der Fuchs.
"Aber wir haben gar keine Angel", sagte das Kaninchen.
Der Fuchs wusste Rat:
"Forellen fängt man am besten mit dem Schwanz. Deiner ist schön lang und buschig. Du steckst ihn einfach ins Wasser und wartest bis eine Forelle. anbeißt, dann ziehst du ihn hoch und die Forelle liegt auf dem Trockenen."
"Gute Idee", sagte das Kaninchen und dachte kurz nach, "aber warum versuchst du es nicht selbst?"
"Liebes Kaninchen", erklärte der Fuchs. "Mein Schwanz ist doch bei weitem nicht so lang und buschig wie der deine. Je buschiger der Schwanz, desto besser eignet er sich zum Fischfang!"

Das schmeichelte dem Kaninchen und es ging mit dem Fuchs zum Fluss.
Am Ufer hockte es sich hin, steckte den Schwanz ins Wasser und wartete auf die Forelle. Auf einmal spürte das Kaninchen, wie etwas kräftig anbiss.
"Ach, Fuchs, eine hat schon angebissen! Sie ist sehr schwer, es muss eine ausgewachsene Forelle sein!"

Das war aber keine Forelle, sondern eine alte Schildkröte, die den Kaninchen-Schwanz für einen besonderen Leckerbisschen hielt. Sie versuchte diesen Leckerbissen nun mit aller Kraft hinunter ins Wasser zu ziehen.
"Hilfe! Halt mich fest, Fuchs!" schrie des Kaninchen.
Der Fuchs erwischte es gerade noch bei den Ohren. Er zog und zog, und die Ohren des Kaninchens wurden immer länger und länger. Vielleicht wären sie noch länger geworden, hätte der schöne, lange, buschige Schwanz, der ganze Stolz des Kaninchens, nicht nachgegeben: es riss ab. Und so blieb nur ein Stummelschwänzchen übrig. Seit dieser Zeit hat das Kaninchen lange Ohren und ein ganz kurzes Schwänzchen, stimmt doch, oder?

So richtig verzeihen konnte das Kaninchen dem Fuchs nicht. Hatte er es nun gerettet oder überhaupt erst in diese missliche Lage gebracht? Freunde waren sie nun jedenfalls nicht mehr.

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Mhh. Das mag man alles gar nicht so stehen lassen, oder?

Wie ist es denn mit den Bewohnern des Märchenwaldes? Ich meine die verstehen sich doch auch alle: Borstel, Mauz, Hoppel, Herr Fuchs und Frau Elster, ja sogar der Uhu und der Fuchs verstehen sich gut. Und der Uhu ist schließlich einer der wichtigsten Fressfeinde des Fuchses, also der Uhu holt den Fuchs. Wie geht das zusammen? Nun ich würde mal sagen, die sind alle schon "Alte Hasen" und leben seit eh und je im Märchenwald. Die setzten auch keine anderen Feinde zur Beschuldigung an, sondern helfen sich gegenseitig, die Welt zu verstehen.

So ist das.

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Zugabe dank Anna Sakse

Um noch ein Weilchen in dieser Realitäts-Märchen-Welt zu bleiben, in der also eine Maus gleich einer Maus ist, eine Katze gleich einer Katze, ein Fuchs gleich einem Fuchs und märchenhafte Wahrheiten zugleich abgebildet werden, kann ich dank Anna Sakse auf Blumenmärchen zurückgreifen. Ich erlaube mir hier ein Märchen direkt aus ihrem Buch vorzulesen. Undzwar heißt es "Der Fuchsschwanz".

(Text im Buch nachzulesen)

Was lernen wir daraus? Dass Füchse ihre Schwänze abknipsen können und an die Nesseln hängen können. Natürlich nicht! Das ist die märchenhafte Komponente hier in diesem Märchen, in dem es darum geht, dem Fuchsschwanz eine Erzählung zuzuordnen. Gleichzeitig lernen wir aber, dass der Fuchs die Spitzmäuse nicht frisst und dass die Hausmäuse und die Spitzmäuse eigentlich überhaupt gar kein Interesse aneineander haben. Dennoch ist die Geschichte von Kurzschwanz und Langschwanz so etwas wie die "Westside-Story" unter den Mäusen. Und aus meiner "veralteten" Sichtweise sind das die pädagogisch wertvollen Märchen, die genügend dafür aufweisen, Unterschiede, Abwertungen, Missgunst heauszufiltern UND lehrreiches Material zur Verfügung haben.


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Hinweise und Quellen

Märchendeutungen
www.Maerchen-Pushpak.de

Tuareg
Afrikanistik-Aegyptologie Online

Bücher
"Sieben Pfeile" von Hyemeyohsts Storm
"Altägyptische Märchen" Diederichs Märchen der Weltliteratur
"Blumenmärchen" von Anna Sakse

Wikipedia
Füchse und Wölfe
Wühlmäuse, Feldmäuse, Hausmäuse, Spitzmäuse

Verweise intern auf KJUI.de
Novemberbuch 2019 Alices wundersame Japanreise


Mit Dank vorab für Empfehlungen!

Herzliche Grüße
Anke Ilona Nikoleit


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