KJUI Podcast - Himmelsschlüsselchen

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Himmelsschlüsselchen

Audio kompakt


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Himmelsschlüsselchen, Himmelsausschluss.
Himmelsschloss und Schlüsselchen.
Das Himmelsschlüsselchen, was für ein schwieriges Wort.
Das Himmelsschlüsselchen, eine Blume und ein schwieriges Wort.

Audio 1/4

Dieser Blume hätte ich ohne Zutun einer Freundin nicht ihre Bedeutung beigemessen. Klar, fand ich sie hübsch, die kleinen Gelben, aber dass sie Himmelsschlüsselchen heißen und ihrem Namen durchaus gerecht werden, war mir nicht bewusst.

Es gibt sogar ein Märchen dazu.
Und das passt, naja, wie fast immer bei den Märchen, ins Jetzt.
Ich erzähle es mal in Kurzform:

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Die Protagonisten sind eine Witwe und ihr Sohn, dieser noch jung an Jahren und liebenswürdig. Doch er erkrankte und starb und fortan war der Mutter Blick in die Welt getrübt, verschleiert, geradezu verdorrt.

Doch dann kam sie an dem Sandhaufen vorbei, auf dem der Sohn einst spielte und es war tatsächlich noch die Burg als Sandruine oben drauf, die er einst baute.

Da hielt die Zeit, da sah sie und da lächelte sie.

Denn sie erinnerte sich daran, was er sagte, als er den Turm und die Zinnen darauf formte: "Schau, Mutter, hier auf dem Turm bei den Zinnen steht der Wächter, der hält Ausschau. Nichts bleibt ihm verborgen, was unter ihm liegt und nichts, was über ihm ist. Alles sieht er."

Und sie setzte sich neben den Sandhaufen, grub feuchten Sand aus dem Boden und formte die Ruinen aus zu neuer Burg mit Turm und Zinnen. Und andernstags ging sie bereits mit unverdorrtem Blick dahin und was sie dann sah, lichtete auch den Schleier.

Auf dem Turm hinter den Zinnen war eine Blattrosette und aus ihrer Mitte ragte eine kleine Spanne hoch ein Stengel, der eine Dolde mit Trichtern und ausgehenden Blütenblättern trug. Die Trichter waren lang, die Dolden schwer, sie neigten sich und blickten doch nach oben.

Die Mutter baute nun allabendlich an der Burg und wässerte das Blümchen und so hörte sie sogar seine Stimme und weinte Freudentränen, die auf die Dolden tropften. Und da war das Blümchen plötzlich ein Schlüssel, ein goldener und die Mutter sah vor sich, wie aus dem Nichts, ein Tor und der Schlüssel passte und sie ging hinein. Und der dunkle Gang machte ihr Angst und sie kehrte um.

Anderntags wuchs wieder eine Schlüsselblume und ihre Freudentränen wandelten das Blümchen in einen Schlüssel und gleich daneben lag ein Handschmeichler – ein glatter Stein, der sich in die Hand fügt. Und der leuchtete den dunklen Gang aus und sie gelangte zu einer zweiten Tür, die war verschlossen und sie kehrte um.

Am nun folgenden Tag baute sie die Burg noch weiter aus und der zweite Turm war fertig. Und dort, wie auf dem ersten Turm, wuchs ein zweites Schlüsselblümchen.

Und so gelangte sie auf die Wiese, die hinter der zweiten Türe war und nicht nur volles Licht, auch Duft und Lieblichkeit in ungeahnter Kraft waren da.

Und dann sah sie einen großen Schmetterling. Und der sprach zu ihr. Ja, es dauerte ein wenig, bis sie das gewahrte. "Kennst du mich denn nicht?", fragte der Schmetterling. Ihre Verwunderung war groß und ihre Feude um ein Vielfaches größer, denn es war die Stimme ihres Sohnes.

Und so kam sie zurück in die Welt und sie konnte wieder sehen, sich erfreuen und Freude zeigen, denn das Herz war fortan ungetrübt.


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Audio 2/4

Die öffentlich rechtliche Satire behauptet mittlerweile, auch im Himmel gelte 2G.
Doch, wer weiß, was das G bedeutet.

Die drängenden Szenen dringen in uns ein und wir sind damit beschäftigt, ob wir wollen oder nicht, sie am Herzen schadlos vorbei zu führen, auszuleiten, dem Drängen die Dichtigkeit zu nehmen, die gedrückte Luft zu entspannen. Aus, heraus.

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Dieser Tage habe ich von einem lieben Menschen, Burkhard Jahn, ein Märchen bekommen, das er in einem Rutsch, irgendwann in schlafloser Nacht, dahin geschrieben hatte. Und ich darf es lesen und hier vorstellen. Und das mache ich nun, denn ich meine es passt in diese Zeit, wie die meisten Märchen in diese Zeit passen.


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Das Märchen von der Hexe und dem alten Räuber
von Burkhard Jahn

Es lebte einmal in einem großen, großen Wald eine Frau in einem behaglichen Haus. Was sie brauchte, das sammelte sie im Wald. Sie wusste, wo sie im Sommer Beeren finden konnte, im Herbst Nüsse und Pilze in großen, großen Mengen, denn der Wald war so groß und weit, und so fern waren die Menschen, dass sich die Frau kaum noch erinnern konnte, wann einmal ein Mensch, sei es ein einsamer Wanderer, sei es ein Jäger oder auch ein Einsiedel, des Weges gekommen wäre, der seinerseits auf der Suche nach einem Ort war, wo er mit seinem Gott ungestört allein sprechen könnte: eine Felsenhöhle vielleicht oder eine Hütte aus dicken und dünneren Zweigen, aus Steinen und aus Moos. Da hatte es die Frau besser.

Damals, als sie für immer aus der Gesellschaft der Menschen fortging, stieß sie im Wald auf das Haus, das zuvor ein Räuber sich gebaut hatte, um herrlich und in Freuden mit den Früchten seiner Arbeit dort zu leben. Schätze hatte er mitgenommen, und eimal alle drei Monate war sein früherer Gehilfe gekommen und brachte ihm aus dem geschäftigen Land der Menschen, was er brauchte: große Schinken und Würste, Früchte, Wein und Brot, leuchtend gelbe Käselaiber und Kuchen und Schnaps aus dem Kolonialwarengeschäft der Brüder Raffelmann in der fernen Stadt Fachwerkhausen. Das alles brachte ihm der Gehilfe, denn der war treu und hatte seinem Herrn eine große Schuld zu bezahlen.

Die Jahre gingen dahin.
Und als die drei Monate wieder einmal vergangen waren, kam, den großen Sack mit den Kostbarkeiten aus dem Kolonialwarengeschäft der Brüder Raffelmann über der Schulter, der Gehilfe und fand seinen Herrn tot. Friedlich schien er eingeschlafen zu sein über einem großen Buch mit großen Bildern, die einen Räuber zeigten, der Jahre lang im Wald in einem prachtvollen Haus gelebt hatte und seinen treuen Knecht, der ihn sein Leben lang mit allem versorgte, was er benötigte. Und noch viel mehr.

Und immer wieder hatte der Räuber die Geschichte gelesen, oder eigentlich eher die Bilder betrachtet, denn lesen, so richtig lesen konnte er nicht.

Und als er an die Stelle im Buch kam, wo der Knecht den Räuber tot aufgefunden hatte, ein paar Tränen über das Ableben seines guten Herrn vergoss, ihm ein Dutzend Meter vom Haus entfernt ein Grab schaufelte, ihn hineinlegte und dazu alle die Reichtümer, die der Knecht noch aus des Räubers großen Tagen im Haus fand - zwei Säcke blanker Goldmünzen, kostbare Zacken aus geraubten Kronen und Diademen und all die goldenen Kämme und Spiegel und Haarbürsten vom Toilettentisch der Gräfin von Greiffenhorst-Donnerswaldeck - und als er noch weiterlas, dass der traurige treue Knecht sich nur den silbernen Pokal mitnahm, den ihm Jahre zuvor der Räuber als Erbe zugedacht hatte, als er aus den Bildern las, dass der treue Knecht sich auf den Weg machte, um nie mehr zurückzukommen, denn nun hatte er seine Schuld abgetragen, oder besser seine Schuldigkeit erfüllt, um nun für immer in die weite Welt zu ziehen …… als dann, immer noch in der Geschichte in diesem Buch - anderentags - niemand kann sagen, woher sie kam und warum sie so tief in den Wald hineingegangen war, die Frau eintraf, da war der Räuber über dem prachtvolllen Bilderbuch zusammengebrochen, hatte noch einmal rasselnd geröchelt und war tot.

Und so, wie schon erzählt, fand der Gehilfe seinen alten Meister: tot über dem Bilderbuch, das er so oft und gern betrachtet hatte, und in dem alles geschah, was im richtigen Leben auch geschah. Aber war das wirklich das RICHTIGE Leben?

Als nun der Gehilfe den Herrn und seine Schätze beerdigt hatte, Steine auf der Erde, die den Toten deckte, gehäuft hatte und noch eine Schicht von Erde und Moos über alles gebreitet, da ging er noch einmal ins Haus, um die Bilder der Geschichte im großen Buch weiter zu betrachten, denn gern hätte er doch gewusst, wie ALLES weiterging.

Und er las, dass eine Frau, noch nicht alt, nicht mehr jung, gerade die Stadt verließ, als der alte Räuber sechsundsechzig Tage tot war.
"Hexe" hatten die Menschen sie genannt, "hässliche alte Hexe", nur weil sie immer wieder recht gehabt hatte, wenn sie vor einem Wetter gewarnt hatte, vor vergiftetem Wein, den ein fahrender Händler im Städtlein verkauft hatte, vor einem Wurf Welpen, aus dem sieben reißende Bestien herauswachsen sollten.

"Alte Hexe" riefen die Bürgersleute, ob Weiber, ob Männer, ob Kinder hinter ihr her und am lautesten die rauhkehligen Knechte, denen sie das Gesicht zerkratzt hatte - nicht ohne Grund.

Und so kam in dem Bilderbuch die vermeintliche Hexe in den Wald, zu dem Haus, dem verlassenen des Räubers, der so friedlich dort seinen Lebensabend verbracht hatte.
Und sie lebte von den Nüssen und Pilzen, von den Beeren und den wilden Rüben, die sie anzubauen gelernt hatte, und war glücklich in ihrer Einsamkeit.
Das Haus, das sie fegte und putzte, verlor das Räuberhöhlenhafte; blank waren nun die Fenster, sauber das Geschirr, abgestaubt Kisten und Kasten, und im Winter rauchte der Schornstein, wenn das wärmende Feuer im Cheminée prasselte und schpolterte und fauchend lollollperte

Einmal kam ein prachtvoller Hirsch zu Besuch, der musste sein schweres Haupt mit dem sprerrigen Geweih tief senken, um ins Fenster des Hauses zu blicken. Er sah die Frau am Tisch sitzen, vertieft über einem großen Buch, in dem, aber das konnte der Hirsch nicht sehen, gerade ein großer Hirsch in das Fenster eines Hauses mitten im Wald blickte und drinnen eine Frau sitzen sah, die über ein Buch gebeugt war.

Und so kam es, dass der Hirsch nun öfter zum Haus kam, die Frau vor dem Hirsch wie der Hirsch vor der Frau die Furcht verlor und die Frau immer eine große Schüssel mit Kastanien für den Hirsch bereithielt, da sie annahm, der Hirsch würde die gern essen. Er aß sie auch, denn er wollte nicht unhöflich sein, denn er wusste, es war gut gemeint, obgleich er eigentlich sich längst Kastanien übergegessen hatte, lange bevor er Haus und Frau kennenlernen sollte.

Und eines Tages fand die Frau das Grab des alten Räubers. Nicht, dass sie etwa danach gesucht hätte, in aufkommender Gier den leicht gewölbten Hügel plötzlich als Versteck von Schatz und Schatulle beargwöhnt und fiebrig zu schaufeln und zu graben begonnen hätte.
Nein, nein, keineswegs.

Vielmehr waren Eicheln von einem Sturm in solchen Massen geradewegs auf das Grab gefallen, dass tagelang eine Rotte massiger Wildschweine Moos, Erde und Gras von den Steinen riss, um alle der fetten Eicheln in die malmenden Mäuler zu bekommen. Und am Ende lagen die blanken Steine da und boten den Anblick eines Grabes. Und im Traum erschien der Frau ein seltsames Wesen: halb Eule, halb Storch, mit einem Arm und einem riesigen Zeigefinger, wie ihn die Lehrer und die religiösen Eiferer vom ewigen Weisen und Zeigen und Drohen besitzen, und sprach zur Frau:

Grabe, grabe, grabe,
gräbst du nicht, der Rabe
kommt und wird dich strafen.


Und die Frau erwachte, erschauerte, sah durch das Fenster im Mondlicht den Grabhügel liegen, den eben in der Sekunde ein Wolf beschnüffelte, als ein Rabe über ihm auf einem Ast saß und die Flügel ausbreitete und davonflog mit einem durchdringenden Schrei.
Und siebenmalsieben weitere Nächte erschien der Frau das seltsame Wesen mit dem ausgestreckten Finger im Traum und rief:

Grabe, grabe, grabe,
gräbst du nicht, der Rabe
kommt und wird dich strafen.


Grabe, grabe, grabe,
gräbst du da, der Rabe
kommt und wird es lohnen.


Und dann ging sie zum Hügel, griff Stein auf Stein, und als sie alle Steine weggeräumt hatte mit den bloßen Händen, da grub sie und grub und grub, bis sie die Schätze ins Haus getragen hatte, nicht ohne ein Gebet für die arme Seele dessen gesprochen zu haben, der als Gerippe unter den Schätzen lag.
Zwei Säcke blanker Goldmünzen, kostbare Zacken aus geraubten Kronen und Diademen und all die goldenen Kämme und Spiegel und Haarbürsten vom Toilettentisch der Gräfin von Greiffenhorst-Donnerswaldeck.

Und als am nächsten Tag die Sonne aufging, da war die Frau, die böse Menschen einst "Alte Hexe" genannt hatten, reisefertig.
Und sie schulterte den schweren Sack mit ihrem Reichtum. Der Rabe, den sie nachts gesehen, kam angeflogen, setzte sich mal auf ihre Schulter, mal flog er vor ihr her.

Als sie in die Stadt kam, war es Abend, kaum jemand sah sie, als sie Quartier nahm im Goldenen Ochsen. Die ganze Nacht war der Rabe unermüdlich damit beschäftigt, ihr kostbare Kleider zu bringen. Und als sie am nächsten Morgen in die Wirtstube hinabkam, verbeugten sich Wirt, Knechte und Mägde tief vor der vornehmen Frau.

Der Rabe aber flog von Haus zu Haus und allen, die einmal zur Frau "Alte Hexe" gesagt hatten, denen warf er eine Pille in unbeobachteten Momenten ins Glas mit Wein, in den Krug mit Bier oder in die Tasse Kaffee oder Tee. Und wenn die in ihrer Bosheit verhärteten Weiber und Männer davon getrunken hatten, denn wurde am nächsten Morgen der Blick in den Spiegel zum größten Schrecken ihres Lebens:
Uralt waren sie geworden über Nacht, einen Buckel hatten sie, Warzen auf der Nase und denen, die gestern noch protzende Männer gewesen, denen waren die Lenden verdorrt für immer.

Und sie wussten nicht, dass an diesem Morgen in einem verlassenen Haus im unendlich tiefen Wald der Wind, der durch zerschlagene Scheiben wehte, die letzte Seite eines großen Buches umblätterte, das sich ein Rabe betrachtet hatte.

© Alle Rechte bei Burkhard Jahn, Schweiz


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Audio 3/4

Mhh ..
Um diese Jahreszeit hat keiner Zeit und sollte sie doch haben. Denn eigentlich ist es die besinnliche Zeit. Und schon vor einem Jahr bekam ich einen Text von einem, um das geflügelte Wort zu bemühen, alten weißen Mann, den er bereits 2008 schrieb: "Auch Weihnacht verträgt ein neues Erleben" - und ich darf ihn lesen und hier vorstellen.

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Auch Weihnacht verträgt ein neues Erleben / © Pd

Als wir noch Kinder waren (1943 bis 50), waren wir zu Hause zu viert: Meine ältere Schwester, meine jüngere Schwester, meine Cousine als Jüngste und ich; dazu kamen die Großeltern mütterlicherseits, eine Tante, eine befreundete Familie mit drei erwachsenen Töchtern und vier Kindern in unserem Alter.

Seit ich mich erinnern kann, lief Weihnachten, und das heißt für Kinder Heiligabend, nach einem unveränderlichen, durchaus festen, Ritual ab, das schon deutlich vor Weihnachten begann. Kaum war die 2. Adventskerze entzündet, wurden Noten für Weihnachtslieder dauerpräsent und das mehrstimmige Singen und das gemeinsame Üben dieser Lieder bekam unverkennbar sich ausweitenden Pflichtcharakter. Besonders die strikt einzuhaltenden Pausen und die wirklich gemeinsam zu intonierenden Einsätze bei besonders zu Anfang ausgeprägter Textunsicherheit hinsichtlich der Folgestrophen, schnürten oft der Sangesfreude die Luft ab.

Heilig Abend dann saßen wir Kinder ohne Licht auf der untersten Stufe der Treppe zum seit Tagen versperrten Wohnzimmer und warteten aufs Christkind: verunsichert, ein wenig gespannt, voll Vorfreude? Nein, eher voller Lampenfieber und Langeweile bis endlich das Glöckchen 'Silberhell' uns erlöste und die Tür aufging. Und dann stand da: Der Tannenbaum in Glitzerlicht und Kerzenschein, ein funkelndes Wunder nach der langen Dunkelheit. Aber vor Annäherung und Hingabe an den Glanz stand die Pflicht zur Ablieferung des lang Geübten, stand das möglichst fehlerfreie Aufstapeln der rituellen Bausteine:
Klavierstück (Klavierauszug: Jauchzet, frohlocket), Lieder (Oh, Tannenbaum/Es ist ein Ros'), Lesung Lukas 2, 1-21, Hirtenlied (Als ich bei meinen Schafen wacht'), Lieder (Ich steh' an deiner Krippe hier/ Still, weil's Kindlein schlafen will) …
Dieser gusseiserne Ablauf wurde beibehalten, selbst als wir 1950 ins Rheinland übersiedelten, selbst als wir dort kein Klavier mehr hatten und die Musik von Querflöte und Gitarre kam und die Singstimmen eine natürliche Verminderung erfuhren, weil man nicht gleichzeitig flöten und singen kann; selbst dann, als mein Vater ums Leben kam und als Lukas zuerst auf Lateinisch und dann auch auf Griechisch vorzutragen waren.

Es änderte sich erst, als Claus kam.

Claus war lange im Krieg und in Gefangenschaft und war solo. Irgendwann begann es sich abzuzeichnen, dass Claus diesmal Weihnachten mit uns zusammen feiern würde. Je, nun! Am Vorabend dieses Heiligabends sagte Claus nach den abendlichen Radionachrichten leichthin: "Jetzt könnten wir eigentlich den Baum schmücken."
Dem Versuch meiner Mutter die Kinder in ihre Zimmer zu schicken, begegnete er mit einem so dahingesagten: "Wieso, die können doch mitmachen!".
Ganz was Neues! Aus dem verunsicherten Staunen, nicht nur der Kinder, entwickelte sich - zuerst zögerlich - zunehmend Zustimmung der Kinder und als der auf dem Balkon passend gehackte Baum endlich im Ständer stand, waren schon die Schachteln mit den Dekorationen wie von ungefähr auf den Esstisch entleert; die mütterlichen Versuche regulierend einzugreifen ("Du hängst die Strohsterne auf", "Du darfst die Kerzenhalter dranstecken" und "Du, pass mit den zerbrechlichen Kugeln auf!"), scheiterten im spontan-kreativen Chaos. Work-in-progress fördert Freude und Bereitschaft zum Wirken.

Irgendwann sagte Claus: "Ich trink‘ jetzt einen Schnaps!", tat es und ein wenig später, als das Verteilen der Lametta-Fäden zu langwierig erschien, griff er die Glitzerstreifen und warf sie in kleinen Büscheln über die Zweige, damit sich die Silberstreifen ihren Landeplatz selbst aussuchen könnten.

Eine letzte Widerstandslinie fiel, als Claus bat: "Geh' - und hol' uns ein paar von den Weihnachtsplätzchen. Und, bitte, mach uns einen Punsch!". "Aber die Plätzchen sind doch erst für morgen!" "Ach, komm!"

Und während, wohl gerne, die Mutter die ehernen Regeln sinken sah, hatte Claus, Gott weiß woher, einen gar nicht so kleinen Rollschinken auf den verwüsteten Tisch gezaubert; auf einem Brett und mit einem Messer.

Punsch haben wir getrunken; Schinken gegessen, ohne Brot, und Weihnachtsplätzchen!
Schön war's, heimelig; und unseren Baum haben wir angeschaut: stolz und bewegt, was wir nie zugegeben hätten.

Aber die Kerzen haben wir nicht angezündet. Das kam erst am nächsten Abend. Und natürlich wurde dann auch Lukas 2 gelesen; 1 - 21, das volle Programm. Aber es war anders als sonst. Vielleicht ahnt Ihr es: Es war prächtig, aber Pracht hatten wir keine.

Und heute?
Aus der Erfahrung mit den eigenen Kindern weiß ich: Das Christkind muss nicht pünktlich um 16:30 Uhr zur Bescherung antreten; man muss auch nicht im Dunklen und ohne Uhr auf es warten (müssen). Es darf sich ruhig die Zeit nehmen, bis es kommt mit drei Haselnüssen für Aschenputtel angemessen vertrieben. Mit Blick auf Herrschsucht und Neid ringsum kann man schon, und nicht nur seinen Kindern, die Botschaft verdeutlichen: Frieden auf Erden.

© PD


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Audio 4/4

Ja, zwei Weihnachtsgeschichten der besonderen Art.
Gut, dann mal zum Abschluss noch eine Anekdote aus eigenem Erleben.


Es war einmal ein Weihnachten, ich war zum zweiten Mal, einem Lebensabschnitt davon gelaufen und meine Söhne mussten mit, sie waren an meinen Haushalt gekoppelt – wie brachual das klingt. Aber es war so. Sie waren den Umständen, die sogesehen ich erzeugte, ausgeliefert. Sie hatten Glück, denn wir waren nicht verbiesert. Wir waren in gemeinsamer Sorgfalt für sie und sind es nach wie vor, auch wenn die Söhne nun schon erwachsen sind.

Nun, an diesem Weihnachten in der neuen Wohnung unter den Umständen einer gewissen Armut, die einen leicht befällt auch in reicher Welt, gab es Geschenke. Und die Jungs zählten plötzlich aus, was der eine mehr hätte, als der andere, sie sahen nicht das Geschenk, sondern zählten die Wertigkeit in Geld, tatsächlich, das taten sie.

Und ich bin hin und wieder ein emotional dramatisch reagierendes Wesen. Es störte mich sehr, zu sehen, wie beide Söhne keinen Dank mehr spürten. Und ich sprach, wie die Fee Nummer 13 einen kleinen Fluch: "Gut, so soll ein Jahr lang kein einziges Geschenk von mir zu euch kommen." Sie sahen mich zwar seltsam an, aber was sollte schon passieren.

Ostern ist nach Weinachten das Fest, an dem so mancher große Geschenke macht. Für meine Jungs gab es kein Osternest, kein Sparschweingeld, kein Überraschungsei – nichts. Und dann kamen der Kindertag, Schulzeugnisse, Geburtstage, und dann auch wieder Weihnachten – und es gab nichts. Und natürlich gab es Gerede, das könne ich doch nicht machen, also Geburtstag ist doch was anderes und an Weihnachten ist doch das Jahr wieder um. Nein. Nein.

Die Erinnerung daran und die eigene Auswertung des so Erlebten bleibt ihnen bis heute ganz selbst überlassen.

Es ist eine familiäre Anekdote geworden und ich wünsche uns allen eine Entkoppelung von wachstumsorientiertem Wirtschaftsgebahren, von Neid und Streit und Erhabenheit, von auferlegtem Zeitgeist und daraus abgeleiteter Verachtung. Vergesst nicht, dass selbst ein Brillenträger zu sein bereits gefährlich war, weil die Umstände es erlaubten.

Also – füllt lieber rechtzeitig ein paar Tränen in die Trichter des Blümeleins und nutzt den Schlüssel zum Schließen und Öffnen des Herzens weise.

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Weiterführende Links

Märchen zum Himmelsschlüsselchen
auf docplayer.org
auf booklooker.de
auf raupennest.com
auf zeno.org


Wikipedia
Burkhard Jahn
Deutscher Schauspieler, Regisseur und Autor

Lesungen und Proben seiner Texte, z.B.

Von der Hexe und dem Räuber

Auszüge aus "Verdunkelung"

Die Entführung der Sahras

Geisterstunde

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Herzliche Grüße!
Anke Ilona Nikoleit