KJUI Podcast - Holleabend im Westerwald und Spinnenfrau der Hopi

<

Holleabend und Spinnenfrau

Audio kompakt


*

Wussten Sie, dass der Donnerstag vor Weihnachten ein besonderer Donnerstag ist? Er wird im Westerwald Holleabend genannt. Warum?

*

An diesem Tag, so sagt man, kam einst vor langer Zeit, einer Spinnerin aus dem Westerwald Besuch ins Haus am Abend von der Holl.

Die Fee überreichte der verdutzten Frau zwölf leere Spulen und sagte:
"Alle Zwölf bis Zwölf!"

Tja, dann verschwand sie wieder.
Nun war die Spinnerin, die die Holl da aufgesucht hatte, zwar eine sehr gute Spinnerin, aber alle Zwölf bis Zwölf zu schaffen, das konnte selbst die beste Spinnerin nicht leisten. Und so überlegte die Frau und dann kam ihr die Idee, die zündende Idee. Sie machte sich an die Arbeit und spann auf jede Spule eine Lage Garn und so hatte sie gerade zur 12. Stunde die 12. Spule gefüllt.

Und die Holl kam, sah auf die Spulen und lächelte. Und sie sagte:
"Du bist nicht nur eine gute Spinnerin, du bist auch noch eine Kluge. Das will ich dir lohnen."

Und ohne die Spulen wieder mitzunehmen, verschwand sie und es stelle sich heraus, dass diese Spulen Zauberspulen waren, denn sie wurden nie alle, was die Spinnerin da drauf spann, konnte sie tagsüber verbrauchen, aber tags darauf war die Spule wieder genauso gefüllt, wie tags zuvor.

*

Ich hatte lange Zeit eine gewisse Erklärungsnot in Bezug auf diese Geschichte. Ja, die Spinnerin war clever, aber wozu sollte diese Prüfung dieser Art gut gewesen sein. Alle anderen Holle Geschichten, die wir so kennen, die gehen doch eher in die Richtung, dass die jeweils getesteten Persönlichkeiten, egal ob Frauen oder Männer, besonders fleißig sein sollten. Hier aber ging es um die Clevernis. Aber irgendwas fehlte mir noch. Und dabei hatte ich mich doch mit all den Spinnerinen in den Göttlichkeiten schon beschäftigt und hatte diesen Knoten immer noch nicht entzerrt.

In meinem Novemberbüchlein von 2018 "Xantippe und Alice" ging es um "Die goldenen Fäden des Schicksals. Märchen und Geschichten von Macht und Ohnmacht". Jedenfalls hab' ich in diesem "Xantippe und Alice" Büchlein über Schicksal geschrieben und ganz klar kam es dann zu den Schicksalsgöttinnen und ganz klar kam es dann zu den Weberinnen und Spinnerinnen. Und ich hab' eine Zusammenfassung am Ende diesese Buches wie folgt gemacht:

*

Das Schicksal ist Anfang, Ausgewogenheit und Schöpferkraft, darin sind sich die Mythen der Erde immerhin einig. Fäden, Teppiche, Netze sind universal verknüpft.

Isis, der kuhgehörnten Muttergöttin, ist in der ägyptischen Mythologie die Leinenherstellung zu verdanken. Sie lehrte die Menschen, den Flachs zu brechen, zu spinnen und zu weben.

Freya ist die Liebesgöttin in der nordischen Mythologie, aber sie ist auch die Göttin des Flachses. In dieser Eigenschaft verschmilzt sie in Gestalt einer großgewachsenen, flachsblonden Frau, die eine Spindel in der Hand hält und den fleißigen Spinnerinnen den Flachs vergoldet und den faulen den Flachs beschmutzt, schnell mit der allseits bekannten Frau Holle.

IxChel (Ihschell) ist die Muttergöttin der Maya. Ihr Gatte ist der Sonnengott und sie gilt als der Mond, weshalb sie oft mit dem weißen Kaninchen, den die Maya im Mond zu sehen glaubten, dargestellt wird. Überwiegend allerdings ist ihre Darstellung die der weisen Medizinfrau und webenden Alten. Für die Maya war die Farbwebkunst bedeutend.

Arachne (und auf die komme ich noch einmal zurück) ist die Weberin bei den Griechen. Sie war eine Sterbliche und beste Teppichweberin. Im Überschwang oder aus Hochmut vielleicht forderte sie die Göttin Athene, immerhin die Göttin der Kunst und der Handarbeit, zu einem Wettstreit heraus. Ihr Teppich zeigte 21 Liebesszenen der Götter und er war weitaus schöner, als der von Athene, woraufhin die Göttin ihre Macht demonstrierte und sie, die Sterbliche, in eine Spinne verwandelte.

Arainrhod ist die Weberin der Waliser und Kelten, die ein spiralförmiges Netz aus Silberfäden webt. Alle Schicksale sind verbunden und wie im Netz einer Spinne erzeugt jede Berührung einen Folgeimpuls. Als Tochter der Mondgöttin nimmt sie auch dreifache Gestalt an. So ist sie Jungfrau im zunehmenden Mond, Mutter im vollen Mond und Greisin im abnehmenden Mond.

Bei den Hopi‐Indianern ist es die Spinnenfrau, die sich eines Tages aus tief violettem Licht erhob und die Fäden der vier Himmelsrichtungen miteinander verband, sich selbst in die Mitte setzte, zunächst ihre eigenen Kinder, nämlich Sonne und Mond gebahr, und dann die Menschen aus dem Ton der vier Farben erschuf. Die Menschen waren mit seidenen Fäden mit ihr verbunden und sie übertrug ihnen die Aufgabe, diese Verbindung immer zu erhalten und stets in Friede und Freude zu leben.

Bei den Inkas gilt, wenn überhaupt, Mama Ocllo oder Mama Uqllu, Tochter des Sonnengottes Inti, als diejenige, die den Menschen das Spinnen und Weben beibrachte. Zusammen mit ihrem Bruder wird sie auf die Erde entsandt. Gemeinsam sollen sie einen Sonnentempel an dem Ort errichten, an dem der goldene Stab, den sie mit sich führen, in die Erde einsinkt. Erzählungen sagen, dass der Bruder dann den Ackerbau und Mama Ocllo die Webkunst lehrte.

Mari, die höchste Göttin im spanischen Baskenland, die viele Funktionen in sich vereint, lebt im Erdinnern und beschäftigt sich auch mit dem Spinnen, wobei sie Widderhörner als Haspel benutzt und diese dürfen durchaus als Verbindung zum Sonnengott gelten.

Die Nornen sind mir die lustigsten Schicksalsgöttinen, denn Urd, die Norne der Vergangenheit, Verdandi, die Norne der Gegenwart und Skuld, die Norne der Zukunft spannen zwar immer das Netz des Schicksals für die Menschen, doch Skuld trennte wohl am Abend wieder auf, was zuvor gesponnen war und so konnte die Zukunft nie deutlich gesehen werden, was durchaus zu einer gesunden Gelassenheit beiträgt.

*

Ja, das schrieb ich 2018 als Konglomerat dessen, was ich so im Zuge des Themas "Die goldenen Fäden des Schicksals. Märchen und Geschichten von Macht und Ohnmacht" zusammen getragen hatte.

Und in diesem Jahr kam mir ein Buch in die Hände, von Stephen Fry "Was uns die Götter heute sagen." Das ist ein wirklich amüsantes Buch. Gut und unglaublich witzig aufbereitete griechische Mythologie.

Und dort, beinahe unter dem Abschnitt "Hybris", gab es einen denn doch separat eingeführten Abchnitt für Arachne, die Weberin, die Sterbliche.
Und erst als ich seine Version las, wurde mir klar, dass die Westerwald Geschichte genau auf diese Arachne zurück zu führen ist.

Theoretisch hätte mir das auch schon vorher klar sein können, war es aber nicht. Manche Dinge brauchen einen Reifeprozess, bis man das sieht und dann ist es um so schöner zu wissen, irgendwas fehlte noch. Und im Grunde ist es die Ausschmückung der Geschichte, die dahinter liegende Wahrheit, nennen wir es mal so.

Fry beschreibt das im Übrigen sehr schön. Er sagt ..

*

dass all die Lobpreisungen, die sie ständig hörte, jedem zu Kopf gestiegen wären, aber Arachne war kein verwöhntes oder hochnäsiges Kind. Wenn sie also nicht am Webstuhl saß, dann war sie eine ganz patente, bodenständige, weder zickige noch launische Frau. Sie wusste nur, dass sie das wirklich gut konnte und es war einfach ehrlich.

Nun, nichts desto trotz forderte das Athene heraus.

Wie Athene überhaupt davon erfahren hatte? In der Spinnstube von Arachne saßen so viele Nympfen, die dieser Kunst des Webens so gern zuschauten, und sich der Bilder erfreuten, die sie da malte, die sie da in die Teppiche hinein webte, dass es also ein Leichtes war, den Sprung von der Spinnstube in die göttlichen Sphären zu meistern.

Jedenfalls stand eines Tages eine gebückte alte Frau im Türrahmen zur Spinnstube und sagte:
"Ah, du bist also Arachne, ja? Sind das alles deine Arbeiten?"
"Ja, ja!" sagte das Mädchen.
"Mhh, wie herrlich, kaum zu glauben, dass eine Sterbliche so etwas zustande bringt. Da hatte doch sicher Athene, die Hand im Spiel."
Und jetzt sagte Arachne: "Ich glaube kaum, dass Athene das so gut hinbekommt."
"Oh, du meinst, Athene wäre dir nicht gewachsen?"
"Wenn es ums Weben geht, nein. Sie ist die Göttin der Kunst, aber wenn es ums Weben geht, ich meine nein."
"Was du ihr wohl sagen würdest, wenn sie hier wäre?"

Und in diesem Moment glätteten sich die Falten im Gesicht dieser buckligen alten Frau und nicht nur das. Sie richtete sich auf zu voller Größe und stand da: Athene selbst. Die, die in der Spinnstube waren, die erschraken regelrecht und die Nympfen verzogen sich ein bisschen in die hinteren Ecken. Und so gesehen, war jetzt Arachne aufgefordert, auch in ihrem Angesichte zu sagen, dass sie die bessere Weberin sei, und sie tat es, so ruhig und bedacht, wie nur möglich.

Und so kam es zu dem Wettstreit.

Die bucklige alte Frau hatte einen Sack hinter sich her gezogen. Aus dem holte sie jetzt die schönsten Fäden, setzte sich an den Webstuhl der Arachne und webte einen Teppich mit magischen, wundervollen Bildern.
Athene, die Göttin, erzählte in ihrem Teppich mit Bildern die Entstehung der Götter. Die Kastration von Uranos war genauso blutrünstig zu sehen, wie sie geschah und die Geburt der Aphrodite wie frisch aus dem Meer, ebenso wie das Säugen des Zeus an der Zitze der Ziege Amalthea. Athene wob sogar ihre eigene Geburt aus dem Kopf des Zeus hinein in das Bilderwerk dieses Teppichs und schließlich sah man alle 12 thronenden Götter auf dem Olymp.
Aber sie war noch nicht fertig. Sie zeigte in dem Teppich auch, was Sterblichen geschieht, wenn sie sich mit den Göttern anlegten. Sie zeigte den König und die Köngin von Thrakien, die in Berge verwandelt wurden, weil sie sich ersreistet hatten, sich mit Hera und Zeus zu vergleichen, oder aber das Bild von Antigone, deren Haare wegen einer Anmaßung in Bezug zur Schönheit in Schlangen verwandelt wurden. Und schließlich umrandete Athene ihren Teppich mit Olivenranken, den Früchten ihres Baumes.

Nun aber setzet sich Arachne an den Webstuhl, und sie, eine Art Wahn hatte sie erfasst, webte in den Teppich ein, all die Liebesszenen der Götter, die die Götterwelt gleichermaßen kompromittierte.

Sie zeigte, wie Zeus der Asteria nachstellte, die sich in ihrer Verzweiflung in eine Wachtel verwandelte. Sie zeigte, wie Zeus sich in Form eines Schwans dem Körper der Leda näherte. Man sah Zeus als tanzenden Satyr, der sich der schönen Antiope aufdrängte, man sah auch die seltsamste Metarmorphose des Zeus, die des goldenen Regenschauers und es war sichtbar, wie er die darin gefangene Danaeé, Tochter des Königs Akrisios, schwängerte. Zahlreiche dieser Geschichten, die die Menschen von Zeus kannten, webte sie hinein. Und sie machte auch nicht halt vor den Szenen, die Zeus als befleckte Schlange in Richtung Persephone und gar Demeter zeigten.

Aber Zeus war nicht der einzige Gott, den Arachne hier entlarvte. Poseidon, der als Stier oder als Delphin den Frauen hinterherjagte und es folgte Apollon auf seinen Raubzügen als Falke, Löwe oder Schafhirt. Und auch Dyonisos war im Bilde, wie er sich in eine pralle Traube verwandelte an einen Strauch, um so die schöne Erigone zu täuschen. Es gab viele dieser täuschenden, betrügerischen und oft grausamen Arten, die sterblichen Frauen zu benutzen. Und als Arachne fertig wurde, da ließ sie zum Abschluss noch eine Ranke aus Efeu und Blumen als Rand um den Teppich erscheinen.

Ja, das ging nicht gut aus.

Athene sah, was Arachne da in ihrer Kühnheit, in ihrem Wahn offenbarte. Das waren Dinge, die durfte man nicht sagen, die durfte man nicht zeigen, ja eigentlich nicht einmal wissen. Sie ging hin und schaute den Teppich in seiner Qualität an. Sie konnte keinen Makel feststellen, nicht einen, alles war perfekt. Aber die Szenen waren ein Sakrileg.

Und so zerfetzte Athene in aller Ruhe die Bilder, den Teppich und dann warf sie der Arachne das Schiffchen an den Kopf und von diesem Stoß erwachte Arachne aus ihrer Hypnose, aus ihrem Wahn. Was hatte sie getan? Sie wusste, sie würde nie wieder weben dürfen. Die Strafe, die sie bekommen würde, würde schlimmer ausfallen, als das, was auf der Seite des Teppichs der Athene zu sehen war, was die Hybris anbelangte, schlimmer ausfallen als das, was auf Seiten ihres eigenen Teppich zu sehen war, was den sterblichen Mädchen angetan ward. Und so griff sie einen dicken Strang Hanf, der da auf dem Boden lag, rannte hinaus, hin zu einem Apfelbaum, warf das Seil über einen Ast dieses Apfelbaums und erhängte sich mit den Worten: "Wenn ich nicht weben kann, kann ich auch nicht leben!"

Und der Göttin Athene rollte tatsächlich eine Träne die Wange hinab. "Dummes, dummes Mädchen", sagte sie. "Ein Talent wie das Deine kann nie sterben. Du sollst Tag für Tag spinnen und weben, spinnen und weben, spinnen und weben."

Und während sie sprach begann Arachne zu schrunpfen, das dicke Hanfseil wurde zu einem dünnen Faden, an dessen Ende nun eine kleine Spinne ihr Werk tat. Und so kam die erste Spinne, die Arachnide, in die Welt. Kein Wunder, dass Stephen Fry diesen Abschnitt über die Arachne nicht direkt unter den, der Hybris stellte sondern separat auswies.

Und damit war für mich die Hollegeschichte aus dem Westerwald nun endgültig bestückt. Sie hat keine Fragezeichen mehr und es fällt wesentlich leichter eine Geschichte in einem Kontext zu erzählen, von dem man meint, an der Geschichte Ursprung zu sein.

*

So, und nun auf ins Weihnachtsfest und es ist das Fest der Liebe und der Belohnung und des Miteinanders. In Bezug auf Liebe und Frieden, sollte ich die Geschichte der Hopis noch einmal hervorheben. Die Hopi Indianer, wie ich vorhin schon sagte, und ich sag ihnen ganz ehrlich, wenn ich Hopi Indianer sage, ist darin nicht eine einzige negative Konotaion. Also, die Hopis haben diese Spinnenfrau als Ursprung ihres Universums. Sonne und Mond sind ihre Kinder und die Menschen formte sie aus dem Ton der vier Farben und verband sie mit sich, mit dem Auftrag, in Frieden und Freude zu leben.

Frohe Weihnacht.

*



*

Hinweise und Quellen

Bücher
"Göttin Holle" - GardenStone
2. Auflage des Buches mit der ISBN 978-3-8334-4579-3

Stephen Fry "Was uns die Götter heute sagen"

aus dem Fundus
Novemberbuch 2018 "Xantippe, Alice und Ich"


 ^ 

Empfehlen Sie meine Arbeiten gern.

Stellen Sie gern Ihre Fragen!

Herzliche Grüße!
Anke Ilona Nikoleit