KJUI Podcast - Maßlieb und Gänsemagd

Maßlieb und Gänsemagd

Audio kompakt


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Eine Bildinterpretation. Was ist zu sehen? Da ist sowohl ein gelber Vorder- als auch Hintergrund zu sehen. Entfernung und Weite sind nicht wirklich zu bestimmen, denn es fehlt an Anhaltspunkten, wie Bergen oder Horizont. Die Perspektive ist weder Vogel-, noch Frosch- und auch nicht ganz Normal. Die Grundierung der Leinwand, ist rissig und so zeigt sich der Untergrund in Schollen und Stücken, wie vertrocknete Erde.

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In der Mitte des Bildes liegt, in Seitenlage auf dem Boden, eine Frau, den Oberkörper leicht aufgerichtet, indem sie das Gesicht auf der linken Hand des auf dem Ellenbogen abgestützten Arms schwer ablegt. Sie schaut auf eine kleine Blumengruppe, die aus einer einzelnen Wurzelstelle der Erde direkt vor ihr hervorgeht. In der rechten Hand steckt ein Blütenblatt zwischen Zeige- und Mittelfinger. Sie schaut ein wenig gedankenverloren in Richtung der drei kleinen, vermutlich Gänseblumen. Die Frau trägt ein auffallend rotes, altertümliches Kleid. Sie hat helle, nahezu dem Hintergrund gleich gelbe Haare, die oben zu einem kleinen Dutt gebunden zu sein scheinen.
Anzumerken ist, dass sich im Hintergrund ein nach hinten geneigter Schriftzug abzeichnet: M, wie Martha, A, wie Anton und S, wie Siegfried, wobei das S waagerecht liegt.
Die Blumengruppe stellt die einzige Vegetation des Bildes dar. In den Rissen zwischen den Schollen deutet sich noch ein wenig Grün an.

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Wie wirkt das Bild auf den Betrachter?
Eine vehemente Frage dazu war, wer die Frau sei, welche Bedeutung sie habe; sie sei irritierend in dem Bild und da ich sie gemalt habe, weiß ich auch, wie sie dahin gelangte und kann den emotionalen Bereich in dieser Bildbeschreibung direkt übernehmen. Die Frau ist quasi die Gänseblume selbst. Sie verkörpert sich selbst im Angesicht eines vertrockneten Feldes im Hintergrund, einer verdorrten Wiese im Vordergrund und einer ungewissen Stimmungslage. Allzu viel Sonne, keine Schatten, vertrocknete Erde. Ein letztes, kräftiges Maßliebchen. Mehr sagt das Bild nicht aus. Das ist schon alles.

Die Leinwand, grundiert mit Marmormehl, Kleister und Acryl, bekam im Trocknungsprozess diese schönen Schollen und die Frau lag bereits da. Kopf, Hüfte, Arme, Beine, alles war der Kontur nach schon da. Sie war in meinem Bild also der fruchtbare, mittlere Teil. Der Rest, trockene Erde; und aus einer dieser Erdspalten streckte, auch wie von selbst, diese eine Feldblume ihre Blätter und Blüten hervor.

Das Gänseblümchen oder auch Maßliebchen oder auch Marguerite ist eine Blume, der man durchaus Ehrfurcht entgegen bringen darf. Sie öffnet sich nur bei schönem Wetter und zeigt sich dann als "E’e of daie" – als Auge des Tages, also. So geöffnet zeigt sie auch die Perle in ihrem Innern, den gelben Pollenhügel, der zum lateinischen Namen "margarita", also Perle passt.

Man kennt das Blümchen als weiß scheinende Pünktchen auf den Wiesen ab dem Frühjahr bis in den Herbst und man kennt auch den Vers "er liebt mich, er liebt mich nicht / sie liebt mich, sie liebt mich nicht", der aufgesagt wird, während die Blütenblätter einzeln gezupft werden, bis nur noch der gelbe Knopf übrig ist. Warum sie also Maßbliebchen heißt, ist erklärlich.

Den Christen gilt sie als Symbol der Reinheit und Bescheidenheit, der allumfassenden Liebe der Gottesmutter Maria, als ihre Tränen auf der Flucht aus Ägypten. Warum dann Gänseblume? Naja. Auf der Wiese waren eben die Gänse und haben die Blumen gern gefressen und ganz ehrlich, so ein Gänseblümchen schmeckt richtig gut. Die erste Gänseblume, die einem im Frühjahr vor die Füße kommt, soll gegessen werden, denn das bringt Gesundheit fürs ganze Jahr. Dass aber auch das keltische Wort Mas (M, A, Mas), gleichbedeutend mit Feld, als Namensgeber in Betracht kommt, ist weniger bekannt.

Jedenfalls war dieses Blümchen nicht nur im Volk beliebt und bei den Gänsen, sondern insbesondere bei Damen, die Margarete hießen und bei den Troubadouren, die mit Wort und Gesang um deren Gunst rangen. Im Wappen der Königin Margarete von Navarra (Navarra ist Spanisch) oder Marguerite de Navarre (Französisch) ist die Gänseblume sogar Hauptbestandteil. Diese Königin förderte Dichter, Künstler und Gelehrte und war auch selbst Schriftstellerin zu Zeiten der Reformation.

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Natürlich denke ich bei dieser Blume und ihrer Standhaftigkeit und Besonderheit an das Märchen "Die Gänsemagd". Ob es wohl noch recht verstanden wird in dieser Zeit? Denn es handelt sich nicht um eine schwache Prinzessin in diesem Märchen, sondern um eine, die in Würde und keineswegs falsch verstandener Bescheidenheit die Unterwerfung in schwieriger Situation annimmt. Ihre Handlungen richtet sie an ihren Möglichkeiten aus und setzt sie mutig und klar um. Es geht zudem um die Gerechtigkeit unter Wahrung des Gesichts. Das Märchen gibt’s zum Schluss.

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Zuvor aber, zum Thema Feld- und Wiesenblumen, ist mir erneut das Buch "Wunderbare Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott" in die Hände gefallen und das setzt mir die Prignitz als Perle der Natur erneut ins Rampenlicht. (Und wenn ich ganz frech bin, sehe ich im Perleberger Wappen doch glattweg eine Gänseblume.) Was mir also in die Hände fiel war eine Passage im Buch, in der der Dorfälteste aus Breetz dem jungen, aus dem Westen zugezogenen Bauern etwas vor Augen führte. Im Sinne der Handlung muss man wissen, dass die kleine Dott nun für die Menschen unsichtbar durch die Lande zieht und von den Tieren drei Aufträge erhalten hat. Der erste ist, zwei Pferde zu retten, die das Heu von der Seelenwiese eben jenes jungen Bauern einfahren sollen. Jedoch, es gibt eine Mär, einen Fluch, der auf ihr lastet, auf der Seelenwiese. Niemand bringt das Heu von der Wiese glücklich ein! Seit Jahrhunderten nicht. Für gewöhnlich brechen sich die Pferde auf der Wiese bei dieser Tätigkeit die Beine oder das Genick. Der junge Bauer aus dem Westen, der diese Wiese für sehr wenig Geld erwerben konnte, hat nun doch gehörig die Nase voll von diesen Geschichten, aber der Dorfälteste erzählt ihm sehr genau, wie es zu der Neuaufteilung der Güter nach dem Dreißigjährigen Krieg kam. Und dabei wird klar, dass die Seelenwiese nie gerecht ausgelöst wurde und das führte nun zu diesem Spuk und Fluch. Die kleine Dott hat den schlichten, rettenden Einfall, die Schulden zu begleichen und das funktioniert dann auch. Aber zurück zu meinem Thema: Während also der Dorfälteste dem jungen Bauern aus dem Westen alles, wirklich alles über diesen Landstrich erzählt, spricht er auch von der besonderen Vegetation der Prignitz und der Mark. Er sagt:

"Überlege selbst, wo gibt es außer diesem ein Land bei uns, in dem sich all das zusammen drängt, was andere Landschaften nur für sich allein haben? Ich frage mich immer, woher es kommt, dass dies Land so ist, wie eine leere Schatzkammer, in die von Ost und West, von Nord und Süd die Kostbarkeiten der umliegenden Länder hereinströmen. … Ja, bei uns findest du wirklich alle Pflanzen beisammen. … Wir haben den Ilex und die Glockenheide und die gelbe Seerose aus dem Westen des Landes und an unseren Salzseen wächst die Salzprimel von der Meeresküste. Der Osten hat uns gerade hierher aus der ungarischen Puszta das Federgras geblasen, und das wogt und leuchtet nun in seiner weißen Pracht auf unseren sonnigen Hügeln. Hinter der Elbe aber, im Westen, ist kein Federgras mehr zu sehen. Ganz in unserer Nähe, in der Havelberger Domheide, kannst du bei uns noch die hellblauen Blüten der Nordischen Linnè blühen sehen, aber weiter südlich findest du sie nicht mehr."

Und der Dorfälteste berichtete Ähnliches von der Tierwelt und auch von den Häusern. Neben Fränkischen Bauernhöfen mit dem Torhaus auf der vierten Seite seien niedersächsische Bauernhäuser, in denen Stall und Scheune und Wohngebäude unter einem Dach liegen zu finden, sagte er und neben dem Rauchhaus aus der Heide fänden sich die Blockhäuser der Wenden und sogar russische Holzhäuser und holländische Backsteinbauten.

"Nun wirst du dich auch nicht mehr wundern, dass hierher, in ein solches Land, auch die Menschen aus allen Himmelsgegenden zusammengekommen sind! Sie kamen von weither eingewandert und bauten sich hier alle nach ihrer Gewohnheit Häuser und Dörfer, ganz so, wie in der alten Heimat. Einige stellten die Häuser rund in einem Kreise um einen Platz auf, andere ganz ohne Regel in einem Haufen um eine Kirche verstreut, wieder andere in einer einzigen langen Straße. Die einen brachten Hopfen mit und pflanzten ihn bei uns an, die anderen legten Weingärten an, andere wieder brachten all die verschiedenen Obstsorten ihrer Heimat in die Mark."

Und dann sagte der Bauer noch dies in völliger Überzeugung:

"Wenn nun aber Osten und Westen und Süden und Norden hierher mit ihren Tieren und Pflanzen und Häusern und Menschen hereingeströmt sind und in ihrem Zusammenleben so fest ineinander wuchsen, dass du sie nie wieder auseinanderreißen kannst, meinst du nicht, dass unser Herrgott dabei eine bestimmte Absicht hatte? Könntest du dir nicht denken, dass dieses Land, das wie eine Brücke zwischen Osten und Westen liegt, vielleicht auch einmal eine ganz besondere Aufgabe zwischen den Völkern erhalten wird?"

Ich habe keine Religion. Und ich möchte auch keine Religion! Und wenn der Bauer hier von der guten Absicht des Herrgotts spricht, dann möchte ich noch immer keine Religion, kann aber seinem Wunsch und seiner Logik und seiner enorm tiefgreifenden Emotion absolut folgen. Ich war sehr überrascht, mit dieser Passage im Buch auf diese Besonderheit aufmerksam geworden zu sein. Ich bin in Storkow geboren und habe meine frühe Kindheit dort verbracht. Insbesondere das Schul- und Jugendalter und einen Teil des Erwachsenen-Daseins, habe ich in der Prignitz gelebt. Studium und Arbeit brachten mich in den Lebensraum Berlin. Mir persönlich fällt der Heimatbegriff, der Heimatbezug, irgendetwas Greifbares, sehr schwer. Dabei habe ich mich doch genau hier, im Raum zwischen Storkow, Berlin, Perleberg und jeweiliger Umgebung, aufgehalten. Ich habe die Landschaften immer geliebt. Ich war in den Seen und Flüssen baden, hab auf Wiesen gezeltet und bin auf Bäume geklettert und durch die Wälder bin ich mit dem Rad oder Moped gefahren. Letzteres zeigt schon an, dass ich nicht in der gebührenden Weise naturverbunden bin. Ein Landkind bin ich nicht. Nicht umsonst bin ich seit Jahren in Berlin. Aber das Land hat mich geprägt und hier, in diesem Raum, bin ich denn wohl doch zu Hause.

Das Landesumweltamt Brandenburg hat in seinem Heft "Naturschutz und Landschaftspflege in Brandenburg" 19 (1,2) 2010 über die Binnensalzstellen berichtet. Es gibt diesen Lebensraumtyp europaweit nicht mehr häufig. Brandenburg ist tatsächlich so etwas wie eine kleine Schatzkammer. Und die Lebensräume der Menschen nicht mehr durch Krieg und Hass und Raub und Religion in Bestimmung zu haben, sondern durch verzahntes Miteinander, das darf über den frommen Wunsch hinaus zur absoluten Realität auf der gesamten Erde werden. Die Zeit ist dran!

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Und nun das versprochene Märchen: Die Gänsemagd

Es lebte einmal eine alte Königin, der war ihr Gemahl schon lange Jahre gestorben, und sie hatte eine schöne Tochter. Wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld auch an einen Königssohn versprochen. Als nun die Zeit kam, wo sie vermählt werden sollten, und das Kind in das fremde Reich abreisen musste, packte ihr die Alte gar viel köstliches Gerät und Geschmeide ein: Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was nur zu einem königlichen Brautschatz gehört, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten und die Braut in die Hände des Bräutigams überliefern sollte, und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hieß Falada, und konnte sprechen.
Wie nun die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mutter in ihre Schlafkammer, nahm ein Messerlein, und schnitt damit in ihre Finger, dass sie bluteten; darauf hielt sie ein weißes Läppchen unter, und ließ drei Tropfen Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach:"Liebes Kind verwahr sie wohl, sie werden dir unterwegs Not tun."
Also nahmen beide voneinander betrübten Abschied; das Läppchen steckte die Königstochter in ihren Busen vor sich, setzte sich aufs Pferd, und zog nun fort zu ihrem Bräutigam.

Da sie eine Stunde geritten waren, empfand sie heißen Durst, und rief ihrer Kammerjungfer: "Steig ab und schöpfe mir mit meinem Becher, den du aufzuheben hast, Wasser aus dem Bach, ich möchte gern einmal trinken."
"Ei, wenn ihr Durst habt, sprach die Kammerjungfer, so steigt selber ab, legt euch ans Wasser und trinkt, ich mag eure Magd nicht sein!" Da stieg die Königstochter vor großem Durst herunter, neigte sich über das Wasserlein im Bach und trank, und durfte nicht aus dem goldnen Becher trinken.
Da sprach sie: "Ach Gott!" Da antworteten die drei Blutstropfen: "Wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen." Aber die Königsbraut war demütig, sagte nichts, und stieg wieder zu Pferd.
So ritten sie etliche Meilen weiter fort, und der Tag war warm, dass die Sonne stach, und sie durstete bald von neuem. Da sie nun an einen Wasserfluss kamen, rief sie noch einmal ihre Kammerjungfer: "So steig ab und gib mir aus meinem Goldbecher zu trinken!", denn sie hatte aller bösen Worte längst vergessen.
Die Kammerjungfer sprach aber noch hochmütiger: "Wollt ihr trinken, so trinkt allein, ich mag nicht eure Magd sein." Da stieg die Königstochter hernieder vor großem Durst, und legte sich über das fließende Wasser, weinte und sprach: "Ach Gott!" Und die Blutstropfen antworteten wiederum: "Wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen!" Und wie sie so trank, und sich recht überlehnte, fiel ihr das Läppchen, worin die drei Tropfen waren, aus dem Busen, und stoß mit dem Wasser fort, ohne dass sie es in ihrer großen Angst merkte. Die Kammerjungfer aber hatte zugesehen, und freute sich, dass sie Gewalt über die Braut bekäme, denn damit, dass diese die Blutstropfen verloren hatte, war sie schwach und machtlos geworden.

Als sie nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das da hieß Falada, sagte die Kammerfrau: "Auf Falada gehör' ich und auf meinen Gaul gehörst du", und das musste sie sich gefallen lassen. Dann hieß sie die Kammerfrau auch noch die königlichen Kleider ausziehen und ihre schlechten anlegen, und endlich musste sie sich unter freiem Himmel verschwören, dass sie am königlichen Hof keinem Menschen, nichts davon, sprechen wollte, und wenn sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf der Stelle umgebracht worden. Aber Falada sah das alles an, und nahm's wohl in Acht.

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Die Kammerfrau stieg nun auf Falada, und die wahre Braut auf das schlechte Ross, und so zogen sie weiter, bis sie endlich in dem Königlichen Schloss eintrafen. Da war große Freude über ihre Ankunft, und der Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau vom Pferde, und meinte, sie wäre seine Gemahlin, und sie wurde die Treppe hinaufgeführt; die wahre Königstochter aber musste unten stehen bleiben. Da schaute der alte König am Fenster, und sah sie im Hofe halten, wie sie fein war, zart und gar schön, ging alsbald hin ins königliche Gemach, und fragte die Braut nach der, die sie bei sich hätte, und da unten im Hofe stände, und wer sie wäre. "Ei, die! Die hab' ich mir unterwegs mitgenommen zur Gesellschaft; gebt der Magd was zu arbeiten, dass sie nicht müßig steht." Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie, und wusste nichts, als dass er sagte: "Da hab' ich so einen kleinen Jungen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen!"
Der Junge hieß Kürdchen (Conrädchen), dem musste die wahre Braut helfen Gänse hüten.

Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König: "Liebster Gemahl, ich bitte euch, tut mir einen Gefallen!" Er antwortete: "Das will ich gerne tun." "Nun, so lasst mir den Schinder rufen, und da dem Pferd, worauf ich her geritten bin, den Hals abhauen, weil es mich unterwegs geärgert hat." Eigentlich aber fürchtete sie sich, dass das Pferd sprechen möchte, wie sie mit der Königstochter umgegangen wäre.

Nun war das so weit geraten, dass es geschehen und der treue Falada sterben sollte, da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohr und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein großes, finsteres Tor, wo sie Abends und Morgens mit den Gänsen durch musste. Unter das finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hin nageln, dass sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte. Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf ab, und nagelte ihn unter das finstere Tor fest.

Des Morgens früh, als sie und Kürdchen unterm Tor hinaus trieben, sprach sie im Vorbeigehen:
"O du Falada, da du hangest,"
da antwortete der Kopf:
"O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen."

Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie hier und machte ihre Haare auf, die waren eitel Silber. Und Kürdchen sah sie und freute sich, wie sie glänzten, und wollte ihr ein Paar ausraufen. Da sprach sie:
"Weh'! weh'! Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen,
und lass'n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt."

Und da kam ein so starker Wind, dass er dem Kürdchen sein Hütchen wegwehte über alle Land, dass es ihm nachlief, und bis es wiederkam, war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und er konnte keine Haare kriegen. Da war Kürdchen bös, und sprach nicht mit ihr, und so hüteten sie die Gänse, bis dass es Abend wurde, dann fuhren sie nach Haus.
Den andern Morgen, wie sie unter dem finsteren Tor hinaustrieben, sprach die Jungfrau:
"O du Falada, da du hangest."
Und es antwortete:
"O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
das Herz tät ihr zerspringen!"

Und in dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese, und fing an ihr Haar auszukämmen, und Kürdchen lief und wollte darnach greifen, da sprach sie schnell:
"Weh'! weh'! Windchen,
nimm dem Kürdchen sein Hütchen
und lass'n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt."

Da wehte der Wind, und wehte ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, dass es nachzulaufen hatte, und als es wieder kam, hatte sie längst ihr Haar zurecht, und es konnte keins davon erwischen, und sie hüteten die Gänse bis es Abend wurde.

Abends aber, nachdem sie heim kamen, ging Kürdchen vor den alten König, und sagte:
"Mit dem Mädchen will ich nicht länger Gänse hüten."
"Warum denn?", sprach der alte König.
"Ei, das ärgert mich den ganzen Tag."
Da befahl ihm der alte König, zu erzählen, wie's ihm denn mit ihr ginge.
Da sagte Kürdchen: "Des Morgens, wenn wir unter dem finsteren Tor mit der Herde durchkommen, so ist da ein Gaulskopf an der Wand, zu dem redet sie: "Falada, da du hangest". Da antwortet der Kopf: "Oh, du Königsjungfer, da du gangest, wenn das deine Mutter wüsste, das Herz tät ihr zerspringen!"
Und so erzählte Kürdchen weiter, was auf der Ganswiese geschähe, und wie es da dem Hut im Winde nachlaufen müsste.

Der alte König befahl ihm aber, den nächsten Tag wieder hinaus zu treiben, und er selbst, wie es Morgens war, setzte sich hinter das finstere Tor, und hörte da, wie sie mit dem Haupt des Falada sprach; und dann ging er ihr auch nach in das Feld, und barg sich in einem Busch auf der Wiese. Da sah er nun bald mit seinen eigenen Augen, wie die Gänsemagd und der Gänsejunge die Herde getrieben brachten, und nach einer Weile sie sich setzte und ihre Haare losflocht, die strahlten von Glanz. Gleich sprach sie wieder:
"Weh'! weh'! Windchen,
fass Kürdchen sein Hütchen,
und lass'n sich mit jagen,
bis dass ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt."

Da kam ein Windstoß und fuhr mit Kürdchens Hut weg, dass es weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte und flocht ihre Locken still fort, welches der alte König alles beobachtete. Darauf ging er unbemerkt zurück, und als Abends die Gänsemagd heim kam, rief er sie bei Seite und fragte: "Warum sie dem allem so täte?"
"Das darf ich euch und keinem Menschen nicht sagen, denn so hab' ich mich unter freiem Himmel verschworen, weil ich sonst um mein Leben wäre gekommen."
Er aber drang in sie und ließ ihr keinen Frieden.
"Willst du mir's nicht erzählen", sagte der alte König endlich, "so darfst du's doch dem Kachelofen erzählen."
"Ja, das will ich wohl", antwortete sie.
Damit musste sie in den Ofen kriechen und schüttete ihr ganz Herz aus, wie es ihr bis dahin ergangen, und wie sie von der bösen Kammerjungfer betrogen worden war. Aber der Ofen hatte oben ein Loch, da lauerte ihr der alte König zu, und vernahm ihr Schicksal von Wort zu Wort.

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Da war's gut, und Königskleider wurden ihr alsbald angetan, und es schien ein Wunder, wie sie so schön war.

Der alte König rief seinen Sohn, und offenbarte ihm, dass er die falsche Braut hätte, die wäre bloß ein Kammermädchen, die wahre aber stände hier, als die gewesene Gänsemagd. Der junge König aber war herzensfroh, als er ihre Schönheit und Tugend erblickte, und ein großes Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und guten Freunde gebeten wurden. Obenan saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kammerjungfer zur andern. Aber die Kammerjungfer war verblendet, und erkannte jene nicht mehr in dem glänzenden Schmuck. Als sie nun gegessen und getrunken hatten und guten Muts waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf, was eine solche wert wäre, die den Herrn so und so betrogen hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf, und fragte: "Welches Urteils ist diese würdig?"
Die Kammerjungfer spricht ein hartes Urteil und der König sagt: "Das bist du", ... "und dein eigen Urteil hast du gefunden, und danach soll dir widerfahren", welches auch vollzogen wurde. Der junge König vermählte sich aber mit seiner rechten Gemahlin, und beide beherrschten ihr Reich in Frieden und Seligkeit.

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Hinweise und Quellen

Das Gänseblümchen
im Blogspot "allesgeruen"
in Bedeutung für die Katholische Kirche
im Wappen der Königin von Navarra


Wikipedia
Margarete von Navarra
Perleberg


Gänsemagd und Dott
Die Gänsemagd, Gebrüder Grimm
Wunderbare Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott, Tamara Ramsay
Im Dezember 2020 - neu aufgelegt, Berlinica Verlag


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Anke Ilona Nikoleit


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