KJUI Podcast - Nachruf: Menschensterben

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Nachruf Menschensterben

Audio kompakt


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Ulrikes Sterbedatum: 21.08.2021
Zwei, eins, null, acht, zwei, null, zwei, eins.
Ein Datum, das wie ausgewählt scheint.
Eines, an dem man Geburtstag oder Hochzeitstag haben möchte.

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Sie starb nicht an Corona.
Poel, die Insel, hatte damals für Touristen dicht gemacht.

Liebe Anke
alles zurück. Hab heut die Reisebeschränkungen für Tagestouristen von der Kurverwaltung gekriegt. Also, Tagestouristen dürfen nicht auf die Insel. Nur unter besonderen Umständen. Es ist so. Wir müssen uns dem beugen und Deinen Besuch verschieben. Schade.
Bis bald also und Ahoi
Ulrike

Wir waren beide aufgeregt und sicher auch ein bisschen argwöhnisch und neugierig aufeinander: Ob wir uns wohl innerlich wieder begegnen können? Angenähert und geklärt waren wir, ganz ohne Frage, aber würden wir es schaffen uns ganz zu vergeben?

Liebe Ulrike
würdest Du … meinen Besuch wollen?
Tatsächlich gibt es nächste Woche eine geradezu unwiederbringliche Möglichkeit, sofern keine Schlagbäume aufgestellt werden und der Teufel nicht dazwischen funkt ..

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Liebe Anke
jo, am Mittwoch geht prima. Hätte Dich vor Corona sowieso einladen wollen. Für ein paar Tage und Dich dann ins Atelier verfrachtet. Wie kämst Du denn aufs Inselchen?
Also Ahoi
Ulrike

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Liebe Ulrike Ja dann .. ich bin mit einem Miet-Kleintransporter unterwegs. Und an dem Mittwoch fahre ich am Vormittag aus Schwerin ab. So kann ich also schon gegen Mittag bei dir sein ..

Und dann gab es die Gelegenheit nicht mehr, sie wieder zu sehen.

Es war definitiv nicht der Teufel, der dazwischen funkte, ehedem schwebte der Schutzengel über Ulrike, denn, hätte Poel nicht dicht gemacht, damals, Ende Oktober 2020, hätte ich ihr wohl Corona gebracht, die Wahrscheinlichkeit war sehr hoch.

Tags darauf traf ich meine Freundin. Und als wir später über unseren Verlauf der Krankheit sprachen, sagten wir noch zueinander: „Stell dir nur vor, wir hätten die Eltern angesteckt. Nicht auszudenken, wenn die das hätten durchmachen müssen.“
Ein paar Monate später traf es ihren Vater, der starb unheimlich schnell. Ein Schwung des Schnitters ins Unerwartete.

Doch selbst wenn der Tod erwartbar ist, wenn das lange Liegen und Leiden mit Morphium gestreckt in Zeitlosigkeit verfliegt, kann man nur wünschen, dass die letzten Momente klar und liebevoll sind.

Kürzlich sagte ich, dass ich mich, scheint’s entferne, wenn der Tod des anderen naht. Ich erfülle und entfalte meine möglichen Gaben am anderen nur bis zu einem gewissen Punkt des Weges, bisher war es so, immer.
In der Rückblende sah ich Oma Else nicht einmal mehr im Krankenhaus. Ich war in der großen Stadt. Die gewählten Pfade meiner Lebenszeit standen auf dem Plan. Berlin. Studium. Püfungen. Alles ging so schnell.

Und Vater?
Oh, Papa – du warst zuletzt noch unzugänglicher, noch verschlossener.

„Du meinst, wenn ich Wasser trinke, kann das alles verschwinden?“ „Ja, Papa, alles! Das ist möglich!“

Und schließlich sank dein Blick wieder ins Bodenlose. Wie beim kleinen Prinzen, die Episode auf dem kleinen, dritten Planeten.
Die Ärztin sagte mir, es gäbe keinen messbaren Grund für dein Koma.
Mein Versprechen löste ich ein: Eine X-Weiche fehlte dir für die Modelleisenbahn. Ich legte sie in deine Hand und hoffte so sehr auf einen Greifreflex.

Menschen sterben.

Als ich einmal einem Arbeitskollegen das Märchen „Juan Holgado und Frau Tod“ zu hören gab, weil ich seine Qualitätskontrolle für die Aussprache für „Seniora de la muerte“ einholen wollte, kam er hernach mit dem mp3-Player zurück, warf ihn mit einem kleinen Schwung auf meinen Tisch und fragte: „Warum sollte ich mir das anhören?“
Ich war erstaunt und verstand seine Reaktion nicht. Es war allzu sensibel und dabei waren wir so gut miteinander vertraut. Es gab Begegnungen mit ihm, wie nur selten mit anderen. Er und seine Frau waren ursprüngliche Menschen, wenn man das so sagen darf, tief und gut verwurzelt, authentisch und wahrhaftig.

Wir sprachen nie mehr darüber.
Nur ein paar Monate später – er war gerade in den Ruhestand übergegangen – starb er, völlig unerwartet.
Lange noch dachte ich daran, dass dem Märchen ein Fluch innewohne, wie der Kakao in dem Roman „Das achte Leben für Brilka“.
Krude Gedanken.

Fest steht: Niemand kann zu hundert Prozent vermeiden, dass ein gesagtes Wort eine Kette von Reflexionen auslöst. Und niemand sollte erlauben, dass ihm dies Schaden zufügt.

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"I shall allow no man to belittle my soul by making me hate him."
Booker T. Washington

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Am 06. Oktober wird Ulrike nun beigesetzt. Sie hatte keine Kinder und keine Hinterbliebenen. Sie wünschte eine anonyme Beisetzung. Auf Poel hatte sie einen Hort gefunden und eine gute Freundin, die ihr zur Seite stand bis zum letzten Tag.

Burkhard Jahn, ein Verbündeter von Ulrike zu mir, ein Vertrauter ihres Lebens, schrieb ein Gedicht, denn das ist sein Handwerk, das Schreiben. Und Ulrike bat darum, dass er eins schreibe auf ihr dann von ihr erwartetes Ableben.

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Audio Gedicht

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Es ist dies, das aus seiner Feder kam:

Für Ulrike Neu, gestorben am 21. August 2021

Freundliches Land! In dem die Sanftheit blüht.
Und Menschenliebe. Ringsum schwatzt das Meer
mal laut, mal leise, Birgnis dem Gemüt
im Eiland, sanft entfernt all dem Verkehr
heilloser Rede, das den Kontinent
so ozeantollwütig überflutet.

Ulrike hatte oft das Herz geblutet
in kruser Welt, die ihre Welt nicht mehr.
Wohin sich also wenden? Die Idee
war mehr Geschenk des Himmels als des Seins
fruchtvolle Folge. Glück wohl, solitär
war hier geneigt, als hätte eine Fee
aus Sage, Traum, aus längst vergangner Mär
sie da geleitet.

................. Poel ward so zum Port
kommuner Milde. Fern des Widerscheins
des aktuellen Irrsinns. - Friedevoller Ort.

So ganz geeignet künftig zur Belohnung
als Tonika nach so viel Dissonanz
ein Happyend zu bringen zur Gestalt

auf Du und Du mit Farbe und Visionen,
die eine Seele - endlich wie im Tanz -
und endlich so befriedete Neuronen
letztendlich trugen in finale Schonung.

Das war das Glück. Doch Glück ist stets zu kurz,
undeutbar die es leitenden Gesetze.

So war das Land, dem eingeht ihre Asche,
die Insel, Ihr Bestimmung und Belohnung.
Timida, die Hündin, blieb zurück,
die Liebe gab dem ungeahnten Abschied.
Und es war gut. In allem lebt uns Gott.

© Alle Rechte bei Burkhard Jahn, Schweiz

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Ulrike, die Schauspielerin am Theater, die Poetin und vor allem auch, die Malerin.

Sie zog aus dem Saarland fort und lebte eine gute Weile hier in Berlin.

Immer wieder kam ich an diesem Atelier vorbei, ein paar Häusereingänge weiter in meiner Straße. Über der Hecke sah man das Licht aus dem Raum heraus und drinnen große Flächen voller Farben.
Neugierig ging ich auf Zehenspitzen und versuchte beiläufig die Bilder zu schauen. Irgendwann ging ich zum Eingang und las auf dem Klingelschild: Atelier.

Hab ich jemals geklingelt? Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, ich habe mich nicht getraut, was hätte ich denn sagen sollen.
Und dann schrieb ich einen Brief.
Wochen vergingen. Dann ein Anruf.

Von da an trafen wir uns in ihrer Atelierwohnung. Wenn ich sie besuchte und ihre Bilder sah, war ich glücklich. Die Farben. Die Größe. Die Imagination. Ein unersättliches Schauen und Auffinden von vertrauten Gefühlen.
Sehr bald rezitierte sie mir Gedichte und forderte mich regelrecht auf, ihr die Märchen zu erzählen, ohne Vorbereitung, ungeschliffen also.

Wenn ich beschreiben sollte, was Ulrike ausmachte, dann waren es ihre wachsamen Augen und ihre Präsenz. Ihre Bilder waren stets echter Teil ihres Lebens. Sie sagte, sie müsse nur „Pinsel“ denken, dann könne sie so manch innerem Körpergeschehen, sei es ein Schmerz oder eine überschwängliche Empfindung, unmittelbar den Ausgang weisen.

Ich bin dankbar, Ulrike begegnet zu sein.

Es gibt noch eine Geschichte, die der Burkhard Jahn geschrieben hat. Sie heißt „Geisterstunde“ und sie erzählt von einem Maler. Und wenn es da auch um einen Maler geht, trifft die Geschichte doch auch auf die Malerin Ulrike zu.

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Audio Geisterstunde

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Geisterstunde
© Alle Rechte bei Burkhard Jahn, Schweiz

Wo die große, große Stadt beginnt auszulaufen ins weite Land mit den Kiefern, dem Sand, dem weiten Himmel .. hatte in den Häusern an der breiten Straße ein Maler sein Atelier.

Das Haus war nicht alt, war nicht neu. Es hatte zwei Kriege gesehen, Narben getragen, Blut geschmeckt und Tränen, hatte sich erholt, war lieblos behandelt worden und eines Tages auch wieder unter die Gerüste gekommen, auf denen morgens früh schon die Maler und Maurer pfiffen, sangen, lachten, stöhnten und fluchten.
Und eines Tages war das Haus wieder wie neu. Aber das ist auch schon wieder lange her.

Nun fügte es sich, dass ein Maler, aber nicht so einer, wie er singend und pfeifend auf dem Gerüst gestanden, sondern einer, der alles, was er fühlte, was er dachte und sah, mit lachenden Augen, mit weinenden Augen, mit traurigen Augen oder mit ernsten, dass so ein Maler also all das und das, was seine Seele empfand, auf die Leinwand warf, mal mit zarten Strichen, mal mit kräftig ausschlagendem Arm, mal mit herzhaft-buntem Gewischel, mal mit schwerem Pinsel, aus dem das Dunkle wie Pech troff.

Und bald hatte dieser Maler in seinem Atelier alle Wände vollgehängt mit bunten Bildern oder auch mit gar nicht so bunten, ja grauen und schwarzen. Und das war immer dann so, wenn seine Seele wund gewesen, krank und verhöhnt, beleidigt oder sterbensmatt.
Und so hingen die Bilder an den vier Wänden, und da, wo die Fenster waren, da hingen auf dem verbliebenen Platz die kleineren, die neben dem Licht der Fenster sich an die Rahmen drängten wie kleine Hunde an das Fell, an die Schnauze und die Lefzen und Zitzen der Mutter.
Und in jedes der vielen Bilder, kleinen und großen, bunten und düsteren, da war nun gebannt, eingegeben, eingeflossen, eingesperrt, was die Seele unseres Malers einmal aus sich hatte herauslassen müssen, und das waren:

die Wut und die Liebe,
der Schmerz und das Glück,
der Spott und das Jubilieren,
der Witz und die Verzweiflung,
der schwärzeste Kummer,
der bitterste Hohn,
das Vertrauen in Gott und der Zweifel, der tiefe, schwarze, zerstörerische Zweifel an Gott.

Und wenn der Maler wieder ein Bild fertig gemalt hatte, das ihn besonders angestrengt oder ihm und seiner Seele so Vieles abverlangt hatte, dann stand er eine Weile am Abend vor diesem Bild, sprach zu ihm Worte wie: „Du hast nun meine Liebe in Dir!“ oder: „Du bist nun der Hass, der eben noch so sehr meine Seele verletzt hatte.“ Und er dachte: „Nun ist alles gut.“

Und er ging aus dem Atelier, schloss die Tür zu. Ging hinüber in seine Wohnung, die im gleichen Haus war, setzte sich auf einen bequemen Sessel, trank ein Glas Wein oder auch mal einen aromatischen Schnaps aus dem Land des Sandes und der Kiefern, zündete sich seine Pfeife an und atmete tief durch.
Später schlief er ein und träumte.
Und die ganzen Gefühle, die er in seine Bilder gemalt hatte, die kamen zurück. Nur, dass sie diesmal in bunte Gewänder oder in dunkle Kostüme gesteckt waren und alle gute Laune hatten, denn sie feierten ein Kostümfest und lachten gegenseitig und selbst über alle Verkleidungen, die jetzt nur dem großen, lustigen, lebenslustigen Fest galten.

So ging es oft.
Mal ging er am frühen nächsten Morgen in sein Atelier, um wieder ein Bild zu beginnen, mal blieb er ein paar Tage fort, um seine Augen und seine Seele neu zu füllen mit dem Stoff, aus dem seine Bilder werden würden.
Und so erfuhr er nie am Tag, nur in seinem Träumen, was nachts in seinem Atelier geschah.
Ob er noch an die Geisterstunde glaubte? Daran, dass zwischen Klock Mitternacht und Klock ein Uhr Dinge geschehen, die draußen auf der großen Straße, die ins Land der Kiefern und des Sandes führte, niemand auch nur im Traum erahnen würde?“

Und so war es wieder einmal Mitternacht. Und nur manchmal flackerte ein Licht eines draußen vorbeifahrenden Fahrzeugs in das Atelier, oder der Ausläufer eines Straßenlaternenscheins hatte sein gewohnheitsmäßiges Gastrecht im Zwielicht der Bildertafelrunde, die noch starr von den Wänden blickte.

Irgendwo im großen hohen Haus schlug eine Standuhr zwölf Mal, ein Gruß aus einer anderen, doch lange schon vergangenen Zeit.
Und da flog mit leichtem Hauch aus dem Bild, in das der Maler die Lebensfreude gemalt hatte, ein buntes Wesen mit lachendem Gesicht heraus und begann auf dem Parkettboden des Raumes einen so leichten, glücklichen, nicht aus der Welt da draußen vor dem Haus stammenden Tanz in seidigem Wiegen seiner betörenden orchideenblütenhaften federleichten Gewandung.
Und nur Sekunden später flog der Hass aus dem anderen Bild, der Zweifel aus dem dritten, die Sorge aus dem vierten, die Liebe aus dem fünften, das Gottvertrauen aus dem sechsten und der schwarze Zweifel an Gott und der Gerechtigkeit in der Welt aus dem siebten.

Und alle waren in Farben und Formen gekleidet, die am Tag starr, schweigend und doch VIEL SAGEND, zu denen, die die Botschaften verstehen sollten, sprachen.
Und so ging es fort, bis alle Seelen der Bilder sich fassten und herzten, sich küssten und miteinander tollten und im Rausch des Tanzes durch den Raum flogen.
Und alle waren glücklich und lachten.

Denn sie wussten: Sie, die sie alle nur noch Harmonie waren, nur eine Gemeinschaft der Glücklichen, sie wussten, das, was sie einst selbst gewesen waren, der Hass, die Liebe, die Angst, die Unvernunft undsoweiter undsoweiter, das alles war jetzt nur noch das Kostüm, das sie trugen.
Und so lachten sie alle in ihrer aeternen Verbrüderung, Verschwesterung, Verklärung und Verwandung über die Dummheit der Welt, die nichts weiß vom WIRKLICHEN Glück und sich immer und ewig in die Kostüme kleidet, die das angebliche, das verkleidete Leben bestimmt, ohne das wirkliche Leben zu kennen, jenes Leben, das ein Gott gemeint hat: das Leben, das hinter dem Tag, hinter dem Tun, hinter dem Getue der trivialen Tage wartet auf das Ende der Zeit.

Und eines Nachts, als unser Maler wieder in tiefem Traum lag, da traten alle die Geister seiner Bilder vor ihn hin und erzählten ihm, wie es um sie steht, wie die Welt sich irrt. Aber sie sagten ihm auch, dass die Welt draußen auf der Straße und auf allen Straßen nicht sein kann, niemals sein wird wie die Geisterstunde der Erlösung, wenn das Gefühlte und das Gedachte, das Erlittene und das Gefürchtete aus den Bildern in die Stunde der Wahrheit tritt, in diese Stunde, die der Welt nicht gehört.

Und der Mann stand auf, es war Morgen, und er ging auf die Straße unter die Menschen. Und er lächelte allen zu, den gutgelaunten, den schlechtgelaunten, den Maurern und Malern auf den Baugerüsten und den schulterwiegenden Finsterlingen vor den U-Bahnstationen, den Dummen, den Klugen, den Schönen, den Hässlichen, den Armen, den Reichen, den Jungen, den Alten.

Und er wusste, dass alles gut war.

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Weiterführende Links

Ulrike Neu
Ausstellung – Herzstücke –
in der FLEXIM Galerie im Juli 2018

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Wikipedia
Burkhard Jahn
Deutscher Schauspieler, Regisseur und Autor

Booker Taliaferro Washington
US-amerikanischer Pädagoge, Sozialreformer und Bürgerrechtler

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weitere AUDIOS
Die Trauerzeit von 49 Tagen (buddhistische Erzählung)
Juan Holgado und Frau Tod (Märchen aus Spanien)

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Herzliche Grüße!
Anke Ilona Nikoleit


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