KJUI Podcast - Weihnachtslicht

Weihnachtslicht und stille Nacht

Audio kompakt


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Alle Jahre wieder naht das Jahresende, nicht ohne zuvor ordentlich zu schäumen, bevor es wie ein rauschender Bach und mächtiger Fluss über Kaskaden dahin wirbelt und herabfällt zu neuen Ufern.
Das weiß schäumende Wasser über rundgespülten Steinen läuft über und strömt weiter seine Bahnen durch Flussbette, die derselbe Bach, derselbe Strom schon seit Ewigkeiten formt.

Weihnachten ist dieser Moment kurz vor der Kaskadenklippe. Das Licht ist ab sofort wieder zu spüren, nur eben noch nicht zu sehen. Der Raum scheint sich zu verwirbeln und eng zu werden. Es beschleunigt sich und alles müsste noch schell .. doch noch .. aber ..

When you get into a tight place
and it seems, that you can`t go on
hold on, for that's
just the place and the time
that the tide will turn.

Wenn Du in eine Enge gerätst
und es scheint, dass du nicht weiter kannst,
halte inne, für genau dies,
den Ort und die Zeit,
da das Blatt sich wendet.

Harriet Beecher Stowe - Schriftstellerin von "Onkel Toms Hütte"

Ich nehme für "tide" - das Blatt - auch gern die Enge - "tight" aus der ersten Zeile. Zwar kann Enge sich nicht wenden, aber vergehen und wieder weit werden. Und genaugenommen ist "hold on" das Durchhalten. Wie dem auch sei: Das Innehalten braucht`s auf jeden Fall.
Innehalten und Rückbesinnung sind keine bloßen Schlagworte. Im Märchen von Amalia, oder der Vogel der die Wahrheit spricht gibt die alte Frau aus dem Wald Amalia den dringenden Hinweis: "Wenn du dein Ziel erreichen willst, schaue nie zurück! Es geschehe hinter dir, was wolle, schaue nie zurück." Sie, Amalia, musste den Vogel, der die Wahrheit kennt und sagt finden. Sie musste das graue Pferd am Fuße des Berges stehen lassen, egal wie es sich durchschlagen würde. Sie ließ sich nicht ablenken von lockenden Rufen und angstmachenden Geräuschen, nicht blenden von Gold und Silber und falschem Lohn.
Sie fand ihn unter all den betörend rufenden und anzuschauenden Vögeln, und zwar weil sie mit eigenen Sinnen durch den Raum ging.

Das Märchen hat viele Schichten und Verzweigungen, wie z.B. die Dreifaltigkeit und den Vogel Phönix, der stets die Sonne in ihrer göttlichen Gestalt repräsentiert. Die Schleifen und Knoten und Zwischentöne der Märchen und Mythen gehen weit in die Welt hinaus und kommen doch wieder auf den Punkt.

Die Geschichte von der Umwandlung, die vom Bach erzählt, der an die Wüste kommt und laut ruft, er wisse, dass es seine Bestimmung sei, hier über die Wüste zu gelangen, doch er sehe nicht, wie, bekommt Unterstützung von Sand und Wind, die im Verbund wohl die Wüste ausmachen. Die Weisheit in dieser Geschichte ist: Der Sand verbindet alles.

Von Gaya zu Gryla liegt ein halbes Erdenreich.
Von der Birke zum Wasser des Lebens liegt ein beachtlicher Weg.
Von Dornröschens Erweckung bis hin zum Rumpelstielzchen liegt ein Initiationsprozess.


Mythen und alte Weisheiten werden gern mit Argwohn beäugt.
Wenn ich aber darübe nachdenke, wieviele Schlüsselmomente durch Gespräche mit weisen Alten für mich schon zutage traten: das ist unschätzbar. Man denke kurz an den Begriff Heimat.

Worte sind etwas sehr Schönes, aber es ist auch das entsetzlich hohe Potential an Missverständnis darin. Die Kommunikation zu verdichten, wäre sehr brauchbar. Wird das besser mit KI? Im Prinzip sind wir es, die der KI den göttlichen Funken einhauchen. Ob die noch Rauhnächte abhalten werden? Dann stünden unsere Chancen auf gemeinsames Leben nicht mal schlecht. Ich jedenfalls bleibe noch eine Weile bei Worten und Bildern und den Übersetzungen dazwischen. P.S. Leider scheint mir die Telepathie einfach mal gleiche Fehleranfälligkeiten aufzuweisen; das Sender-Empfänger-Prinzip ist eben für alle Kommunikationsformen eine organisch gewachsene Hürde.

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Eine Geschichte habe ich noch:
Trotz der recht vielen Märchen und Mythen, die ich bisher durchforstet habe, gibt es natürlich immense Lücken. Immer wieder tauchen neue Puzzleteile auf. Und genau darin findet sich die unendliche Weite, die schon das Raumschiff Enterprise umhüllte.

In diesem Jahr habe ich erstmals Gryla, die isländische Weihnachtsgestalt in Position gebracht.
Die Eigenschaften der Gryla erinnern schnell an die Ur-Gesichtigkeit der üblichen Hexengestalten und Erdgöttinnen. In den Sagen Islands taucht sie im 13. Jahrhundert auf. In einem christlichen Gedicht eines Pfarrers erscheint sie dann 1670 als Weihnachtstroll, ja sie ist sogar die Oberste aller Trolle. Das erinnert mich schnell an die Huldr, aber bleiben wir in Island: Gryla hat Hörner, mit denen sie hören kann, ob die Kinder böse sind. Schon wieder schweife ich kurz ab, um an den Verwandlungsprozess eines Drachen zu erinnern, aus dem hervorgeht, dass ein Gehörn als Hörorgan nicht neu ist. Jedenfalls hört Gryla im Speziellen die Isländer ab, um herauszufinden, welche Kinder sie fressen kann, oder soll, oder so. Außerdem hat sie 13 Söhne, die für einige Turbulenzen sorgen. Klingt zunächst harmlos, wenn einer Kerzen klaut und der andere das Essen. Aber genau das mag wie dafür gemacht sein solange zu reizen, bis endlich eins der Kinder böse wird und reif ist, gefressen zu werden.
Hin und wieder findet auch Grylas Mann als fürchterlicher Troll Erwähnung, viel mehr jedoch fand ich von ihm noch nicht.
Wer allerdings großen Einfluss auf die Bräuche Islands und darüber hinaus hat, ist ein weiteres Wesen an Grylas Seite: Die Julkatze.
Erstaunlich ist, dass sie, also er, denn man sagt, es sei ein Kater, erst Anfang des 20. Jahrhunderts im Außen sichtbar dazu kam. Da wurde sie in der Saga "Jolin Koma" erwähnt und hatte seither den sicheren Platz an Grylas Seite, wenn auch mit ungefährlicherer Reichweite. Vor ihren Krallen konnte man sich nämlich schützen; wobei, das stimmt so nicht: konnte man geschützt werden. Wer zu Weihnachten neue Sachen bekam, blieb von ihr verschont.

Daraufhin habe ich meine Reflexion gestartet.

Wer kennt sie nicht, die Sockenüberdrüssigkeit und die Jacke unterm Weihnachtsbaum, die ohnehin für den Winter fällig war. Ich habe es partout nicht leiden können.

Aber die Reflexion zeigte noch mehr:

Schön gestrickte und bestickte Pullover, die meine Mutter für die Kinder machte und noch im letzten Jahr Schafwollsocken für die Wohlfühlstunden aus Wolle von Schafen, die meine Schwester einige Jahre hielt.
Der Unterschied liegt auf der Hand: Konsum und Erledigung versus Wohltat und Jahresausklang.
All das bringt ein Puzzlesteinchen mehr für die Bedeutung der Holle Geschichten hervor, in denen es unter anderem darum geht, bis Weihnachten allen Flachs abgesponnen und alle Arbeiten erledigt zu haben. Tja, wenn ich überlege, dass heutzutage viele Feiertage ehedem Arbeitstage sind, dann wundere ich mich nicht über die Art des Stürmens da draußen, während ich und tausend andere das Netz beladen. Aber das soll nicht die Schlussrede des Jahres werden, um Himmels Willen, nein.

Von Herzen dankbar bin ich für all die Lebenserfahrungen und hier im Speziellen für das Reflektieren über den guten alten Brauch vom Socken schenken, denn die sind ein wertvoller Schutz, vergeben für wenigstens ein Jahr.


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Hinweise und Quellen

Kalender
Der isländische Weihnachtskalender
siehe auch www.snerra.is


Youtube
Isländische Weihnachtswesen - Ardko


Wikipedia
Die Raunächte
Erdgöttin


Verweise intern auf KJUI.de

PodcastWeihnachtshimmel

Podcast Holleabend Spinnenfrau

Amalia, oder der ..

Vogel Phönix (mit Physiologus)

Die Umwandlung

Die Huldr Saga

Karpfenkopf und Drachenperle


Mit Dank vorab für Empfehlungen!

Herzliche Grüße
Anke Ilona Nikoleit


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